Klaviertechnik — Wege zu einer natürlichen Spielweise

Klaviertechnik - Wege zu einer natürlichen Spielweise | PianoTube (© freshidea_Fotolia)

Die Kla­vier­tech­nik ist ein gro­ßes The­ma beim Kla­vier spie­len. Das spiel­tech­ni­sche Kön­nen ist das, was zwi­schen uns und den unend­li­chen Wei­ten der Musik­welt steht. 

Ent­spre­chend sind wir uns für kei­ne Etü­de oder Fin­ger­übung zu scha­de, die uns Bes­se­rung auf die­sem Gebiet ver­spricht. Doch hal­ten die gan­zen Etü­den und Fin­ger­übun­gen ihr Ver­spre­chen überhaupt?

Inhalt

Meine Geschichte

Ich habe frü­her oft die Zäh­ne zusam­men­ge­bis­sen und Etü­den gespielt, bis weit über die Schmerz­gren­ze hin­aus. Das Resul­tat waren jedoch kei­ne phä­no­me­na­len tech­ni­schen Meis­ter­leis­tun­gen – son­dern eine Sehnenscheidenentzündung.

Ich war 16 und die Auf­nah­me­prü­fung als Jung­stu­dent an der Musik­hoch­schu­le stand vor der Tür.

Plötz­lich konn­te ich 2 Mona­te lang nicht spielen.

Als es wie­der ging, blieb kei­ne Zeit mehr mei­ne Tech­nik zu ana­ly­sie­ren. Also übte ich wie zuvor, obwohl ich intui­tiv wuss­te, dass es so nicht wei­ter­ge­hen konnte.

Nach­dem die Auf­nah­me­prü­fung bestan­den war, habe ich mich zur nächs­ten Hoch­schul­bi­blio­thek bege­ben, alle Bücher mit­ge­nom­men, die es zum The­ma Kla­vier­tech­nik und Übeme­tho­den gab und sie aus­gie­big stu­diert. Nur eine Fra­ge beschäf­tig­te mich:

Gibt es nicht eine Mög­lich­keit ein guter Kla­vier­spie­ler zu wer­den ohne stän­dig mit dem Kopf durch die Wand zu müssen?“

Die meis­ten Bücher waren ent­täu­schend. Die Ana­to­mie, mecha­ni­sche Geset­ze oder phy­sio­lo­gi­sche Funk­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge waren nicht Teil der Über­le­gun­gen. Man soll­te die­ses oder jenes auf die­se oder jene Wei­se spie­len – aber WARUM man es tun soll­te, aus wel­chen Über­le­gun­gen her­aus – das stand da nicht.

Mei­ne Fra­ge wur­de nicht beant­wor­tet. Also such­te ich weiter.

Bis ich auf das Buch Die Tech­nik des Kla­vier­spiels. Ein Hand­buch für Pia­nis­ten von Rudolf Krat­z­ert stieß.

Und sie­he da: ich bekam end­lich Ant­wor­ten! Die Ant­wort war ein eindeutiges:

Ja, es gibt eine Mög­lich­keit ein guter Kla­vier­spie­ler zu wer­den ohne zu kämpfen.“

Da stand es schwarz auf weiß:

In ande­ren Wor­ten: man spielt umso schlech­ter, je ange­streng­ter man übt.

Wenn man etwas wei­ter denkt, bedeu­tet das, dass bereits die Art und Wei­se wie wir die ers­ten Noten eines Stü­ckes spie­len, dar­über ent­schei­det, wie schwer oder leicht uns das Stück am Ende von den Fin­gern geht.

Wie ich früher gespielt habe — und wie Du nicht spielen solltest

Wie ist das zu verstehen?

Die Fra­ge nach der „rich­ti­gen” Tech­nik stellt sich einem erst, wenn man eine Stel­le ein­fach nicht hin­be­kommt. Das sind zum einen Stel­len, wo man beson­ders schnell spie­len muss, zum ande­ren sind es Sprün­ge oder Tremoli.

Frü­her habe ich sol­che Stel­len so geübt, wie es die meis­ten Kla­vier­spie­ler tun:

  1. Ich habe laut gespielt.
  2. Ich habe mei­ne Fin­ger sehr hoch­ge­ho­ben und sehr geführt gesetzt.
  3. Ich habe die Stel­le mehr­mals recht schnell wiederholt.

Das Haupt­cha­rak­te­ris­ti­kum war eine ein fes­tes Hand­ge­lenk, das schnell ermü­de­te und ein ins­ge­samt sehr ange­spann­ter Körper.

Die Fol­ge davon war, dass ich, je län­ger und je schnel­ler ich spiel­te, umso fes­ter wur­de und umso schlech­ter spielte.

Wor­an lag das?

Anton Ratsimar | PianoTube

Die alte Lehrmeinung basiert gleich auf mehreren Denkfehlern

Jahr­hun­der­te lang ver­mu­te­ten Kla­vier­leh­rer (die selbst mit Sicher­heit zum Teil sehr gut Kla­vier spie­len konn­ten, aber eben nicht so gut wie Weltklasse-Pianisten), dass es ein Pro­blem der Mus­keln war und schluss­fol­ger­ten dar­aus, dass man für schwe­re Stü­cke und schnel­le Pas­sa­gen offen­bar beson­ders „kräf­ti­ge” Fin­ger brau­che. Mus­kel­auf­bau mit­tels Etü­den und Fin­ger­übun­gen war ent­spre­chend ihr Patent­re­zept für alle Schwie­ri­ge­kei­ten.

Doch gleich meh­re­re Denk­feh­ler und Miss­ver­ständ­nis­se ste­hen hin­ter ihrer Vor­stel­lung und Methode:

  • Kla­vier­spie­len ist haupt­säch­lich eine Akti­vi­tät der Finger.
  • Es gibt an sich „schwe­re Stücke”.
  • Um die­se Stü­cke zu spie­len, braucht man „kräf­ti­ge Finger”.
  • Durch Etü­den und Fin­ger­übu­gen wer­den die Fin­ger beweglicher.

Heu­te weiß man es besser. 

For­scher beschrei­ben das Gehirn ger­ne als neu­ro­na­les „Netz­werk”, weil alle Struk­tu­ren und Pro­zes­se mit­ein­an­der wech­sel­wir­ken, sich auf­ein­an­der bezie­hen und trotz aller Gegen­sät­ze im Gleich­ge­wicht sind. 

Ver­net­zung und Rück­kopp­lung (Feed­back) sind cha­rak­te­ris­tisch für alle dyna­misch kom­ple­xen Sys­te­me so wie der mensch­li­che Kör­per eins ist.

Doch nicht nur das Gehirn, auch unser Kör­per ist also ein ein­zi­ges gro­ßes Netzwerk.

Um z.B. einen Arm zu bewe­gen, wer­den not­wen­di­ger­wei­se die ver­schie­de­nen psycho-physischen Mecha­nis­men des gesam­ten Kör­pers bean­sprucht. Das­sel­be gilt für das Spre­chen. Es ist es zweck­los und inef­fi­zi­ent sei­ne Stim­me allein durch iso­lier­te Sprech- oder Sing­übun­gen beein­flus­sen zu wollen. 

Denn Spre­chen ist ein ganz­heit­li­cher Akt…

…an dem Stimm­bän­der, Lip­pen, Zun­ge, Kie­fer und der gesam­te Atem­ap­pa­rat betei­ligt sind. Hin­zu kommt der psy­chi­sche Aspekt, der sich durch Tim­bre, Dik­ti­on, Sprech­me­lo­die, Wort­aus­wahl, Sprech­wei­se (stot­tern, flüs­tern, schrei­en), Arti­ku­la­ti­on, Ges­tik usw. äußert. 

Dar­über hin­aus wer­den wir beim Spre­chen auch von unse­rer Gesamt-Körperhaltung beein­flusst, wäh­rend die­se wie­der­um unse­re Psy­che wider­spie­gelt. Ein scheu­er, schüch­ter­ner Mensch zieht mög­li­cher­wei­se sei­ne Schul­tern zusam­men und „macht sich klein”, wodurch er sei­nen Brust­korb ver­kürzt und flach atmet, was sich direkt auf sei­ne Stim­me aus­wirkt. Zu kei­ner Zeit könn­te man sagen, das Spre­chen sei eine rein phy­si­sche oder rein geis­ti­ge Handlung. 

For­scher konn­ten eben­falls zei­gen, dass wir über die kör­per­li­che Sei­te unse­re Psy­che beein­flus­sen kön­nen1 , so z.B. die Lau­ne ver­bes­sern, indem wir eini­ge Zeit breit lächeln — auch wenn uns gar nicht danach ist. Der Orga­nis­mus ver­sucht immer ein Gleich­ge­wicht her­zu­stel­len, also wird eben die Stim­mung dem Kör­per­aus­druck ange­passt.2

Mer­ke: Nur durch das Zusam­men­wir­ken der ver­schie­de­nen psycho-physischen Mecha­nis­men des gesam­ten Kör­pers kön­nen wir einen bestimm­ten Kör­per­teil auf bestimm­te Wei­se bewe­gen und benutzen.

Es mag vom wis­sen­schaft­li­chen Stand­punkt aus sinn­voll erschei­nen, einen kom­ple­xen Vor­gang zu ver­ein­fa­chen, indem man zunächst ein­ze­le Aspek­te und Funk­tio­nen iso­liert betrach­tet und aus­ar­bei­tet, um am Ende das Gan­ze aus die­sen nun tech­nisch aus­ge­feil­ten Ein­zel­tei­len wie­der zusammenzusetzen. 

Das Gan­ze ist [jedoch] mehr als die Sum­me sei­ner Tei­le.3 Aris­to­te­les

So erwie­sen sich bei­spiels­wei­se alle ver­ein­fa­chen­den Annah­men nach und nach als falsch.4

Bei­spie­le

Tei­le der sog. „Schrott-DNS” erfül­len eben doch wich­ti­ge Auf­ga­ben, genau­so wie Bild­darm, Man­deln und Milz, die man lan­ge Zeit für „unnütz” hielt.

Das­sel­be gilt für die in der Ver­gan­gen­heit oft unter­nom­me­nen und immer in öko­lo­gi­schen Kata­stro­phen enden­den Ver­su­che in ein Öko­sys­tem ein­zu­grei­fen, bei­spiels­wei­se durch Import bestimm­ter Tier­ar­ten, die natür­li­cher­wei­se an die­sen Orten der Erden nicht vorkommen. 

Die­se Ver­su­che ende­ten bis­her immer damit, dass eine kom­plet­te Tier­art aus­starb, wäh­rend eine ande­re zur Pla­ge wur­de.5

In all die­sen Fäl­len wur­den Teil­be­rei­che iso­liert betrach­tet und Rück­kopp­lun­gen sowie Wechsel- und Neben­wir­kun­gen des Ein­grei­fens in kom­ple­xe dyna­mi­sche Pro­zes­se, wie sie in Öko­sys­te­men und der Bio­sphä­re statt­fin­den, mas­siv unterschätzt.

Auch für das Musi­zie­ren gilt — die Finger/Hände/Arme iso­liert zu betrach­ten und zu trai­nie­ren führt lang­fris­tig immer zu gesund­heit­li­chen Pro­ble­men, Blo­cka­den und zur Ver­schlech­te­rung statt zur Ver­bes­se­rung der Spieltechnik.

Denkfehler Nr. 1 — Beim Klavierspielen geht’s um die Fingerarbeit

Kla­vier­spie­len ist kei­ne rein mecha­ni­sche Akti­vi­tät der Fin­ger — son­dern umfasst viel­mehr die Koor­di­na­ti­on des gesam­ten Kör­pers, ins­be­son­de­re von Hals, Schul­tern und Rücken.

Man spielt umso bes­ser Kla­vier, je bes­ser die Gesamt-Koordination des Kör­pers ist und nicht, je „stär­ker” die Fin­ger sind.

Die­ser Mei­nung waren auch die gro­ßen Pia­nis­ten, wie Fré­dé­ric Cho­pin, Franz Liszt, Clau­dio Arrau und Arthur Rubinstein.

Hal­tet den Kör­per geschmei­dig bis zu den Fußen­den”, sag­te Cho­pin.6 Sand, Geor­ge

Cho­pin iso­liert die Fin­ger kaum, sie sind wie Aus­läu­fer der Hand. Jean-Jacques Eigel­din­ger

Mei­ne gan­ze Leh­re soll sich auf das Nicht­aus­ha­ken irgend eines Glie­des im Gelenk auf­bau­en, denn nur dann kann die Längs­li­nie durch die gan­zen Glied­mas­sen von der Wir­bel­säu­le bis zur Tas­te hori­zon­tal erhal­ten wer­den.7

Es gibt kei­ne Frei­heit für irgend­ein Glied, wel­che in ihrem Wesen (…) Unab­hän­gig­keit, Tren­nung ist, wie etwas Fin­ger­be­we­gung oder Anschlag oder Fal­len­las­sen; denn dies wür­de unmit­tel­bar Zer­stü­cke­lung her­vor­ru­fen. Und irgend­ein Glied, das auch nur einen Augen­blick aus dem arbei­ten­den Zusam­men­hang ange­wand­ter Bewe­gung fällt, ver­nich­tet die arbei­ten­de Har­mo­nie des gan­zen Sys­tems.8 Franz Liszt zu Fre­de­ric H. Clark

Denkfehler Nr. 2 — Es gibt an sich schwere Stücke

Bestimm­te Stü­cke gel­ten als schwer, weil uns schnell die Aus­dau­er aus­geht, weil die Hän­de schnell müde wer­den, weil wir gene­rell mit dem gefor­der­ten Tem­po oder wei­ten Sprün­gen über­for­dert sind.

Ist die Ursa­che für die Pro­ble­me tat­säch­lich der Schwie­rig­keits­grad des Stü­ckes — oder liegt es viel­leicht an uns selbst, dass es uns so schwer fällt?

Wenn wir Klavier­stücke ler­nen wol­len, die wir für „schwie­rig” hal­ten, reagie­ren wir dar­auf wie bei der Auf­ga­be, eine schwe­re Kis­te zu heben. Wir span­nen jeden Mus­kel an, hal­ten die Luft an und berei­ten uns metal auf einen schwe­ren Akt vor.9

Die gan­ze Lehr­me­tho­de der letz­ten Jahr­hun­der­te (vor allem der sog. „Rus­si­schen Schu­le”) basier­te dar­um dar­auf, uns auf sol­che Stü­cke mit­tels Etü­den und Fin­ger­übun­gen „vor­zu­be­rei­ten”. Der Fokus lag des­we­gen ganz klar auf Ausdauer- und Kraft­auf­bau.

Wir üben also so lan­ge wir es nur wir es nur aus­hal­ten kön­nen, die uns vor­ge­setz­ten Etü­den mit bei­den Hän­den, sehr laut, mit über­trieb­ne­nen Bewe­gun­gen der Fin­ger und mit über­trie­be­nem Druck in die Tasten. 

Was pas­siert bei so einer Spiel­wei­se im Gehirn?

Wie bei allem, was wir wie­der­holt tun, wer­den Stra­ßen ange­legt und häu­fig benutzte/wiederholte zu Auto­bah­nen und Schnell­stra­ßen aus­ge­baut. Kurz­um: es wer­den star­ke neuro-muskuläre Mus­ter geprägt.

Kennst Du das Expe­ri­ment „der paw­low­sche Hund”? Hier wird ein Hund dazu kon­di­tio­niert, beim Klin­geln einer Glo­cke Spei­chel zu bil­den. Auf einen gege­be­nen Reiz folgt eine in die­sem Fall kon­di­tio­nier­te, auto­ma­tiser­te Reaktion.

Der Stra­ßen­bau im Gehirn ist auch eine Kon­di­tio­nie­rung. Nicht nur ist bereits das Kla­vier an sich für Kla­vier­spie­ler ein star­ker Reiz, der uns sofort eine bestimm­te Hal­tung am Kla­vier ein­neh­men lässt — auch jede Übe­sit­zung ist eine Kon­di­tio­nie­rung des gesam­ten Bewegungsapparates.

Man erntet, was man sät

Je öfter und län­ger wir also ange­strengt (oder falsch) spie­len – umso mehr pflas­tern wir die­se Stra­ße im Gehirn. Am Ende bekom­men wir als Ergeb­nis genau das, was wir auch ein­üben: Anstren­gung.10

Spie­len und Üben wir also mit über­trie­ben­dem Kraft­auf­wand — wird das Spie­len der geüb­ten Stü­cke im Ner­ven­sys­tem als mühe­voll und kräf­te­zeh­rend eingespeichert.

Schwer im manu­el­len Sin­ne wird das Kla­vier­spie­len erst, wenn wir gegen den Wider­stand der Tas­ten und gegen die Wider­stän­de in uns ankämp­fen, statt durch frei flie­ßen­de Bewe­gun­gen mit den Tas­ten zu spie­len.11 Hel­mut Renn­schuh,
Kla­vier­spie­len, Alexander-Technik und Zen

Denkfehler Nr. 3 — Um gut Klavier zu spielen, braucht man kräftige Finger

War­um glau­ben wir, dass kräf­ti­ge­re Fin­ger die Lösung für all unse­re kla­vier­tech­ni­schen Pro­ble­me sind?

Die­se Vor­stel­lung hängt vor allem mit dem im letz­ten Zitat ange­spro­che­nen Punkt zusam­men: Wir spie­len gegen den Tas­ten­wi­der­stand an statt mit den Tasten.

Was bedeu­tet das genau?

Wir den­ken, dass man beim Kla­vier­spie­len die Tas­ten „run­ter­drü­cken” muss. Die haben aber einen gewis­sen Wider­stand — Key­boards haben den z.B. nicht und sind des­we­gen auch abso­lut unge­eig­net für Anfän­ger, da sie zwangs­läu­fig zu einer unge­sun­den Spiel­wei­se füh­ren und jeg­li­chen Fort­schritt verhindern.

Wir den­ken wei­ter, dass kräf­ti­ge­re Fin­ger und stär­ke­re Mus­keln uns dabei hel­fen, die­sen Tas­ten­wi­der­stand zu „über­win­den” (so wie kräf­ti­ge­re Mus­keln beim Heben einer schwe­ren Kis­te von Vor­teil sind).

Was sagen nam­haf­te Pia­nis­ten dazu?

Franz Liszt

Liszts gewölb­te aber kei­nes­falls voll­kom­men fla­che Fin­ger schie­nen an den Tas­ten geklebt und schlu­gen sie nicht. Bert­rand Ott

Die liszt­sche Tech­nik hebt die Fin­ger wenig an, da der Kon­takt der Fin­ger­kup­pen mit der Tas­ta­tur kon­stant bleibt (…).12 Bert­rand Ott

Fré­dé­ric Chopin

(…) die Tas­ten mehr reagie­ren las­sen als auf ihnen agie­ren.13 Jean-Jacques Eigel­din­ger

Nicht bei ein­fach zu repe­tie­ren­den Tön­nen die Tas­te ver­las­sen, nur den Fin­ger sehr weich hoch­kom­men las­sen durch die Tas­te selbst.14 Auguste-Joseph Fran­chom­me

Man muss sozu­sa­gen das Kla­vier kne­ten mit einer Samt­hand, und die Tas­te mehr füh­len als sie anzu­schla­gen.15 Armand J. Piron

Die Ursa­che für lang­sa­mer und kraft­lo­ser wer­den­de Fin­ger beim Kla­vier­spie­len ist nicht Man­gel an Kraft und Kon­di­ti­on der Fin­ger — son­dern die zuneh­men­de Ver­span­nung beim Kampf gegen den Tastenwiderstand.

Statt gegen die Tas­ten zu drü­cken emp­feh­len Pia­nis­ten den Fin­ger von der Tas­te heben zu las­sen. Die Fin­ger wer­den dann vom Gegen­druck der Tas­te bewegt. Das erfor­dert ein sehr lang­sa­mes, lei­ses und fein­füh­li­ges Spie­len — genau das Gegen­teil also von dem, was einem Kla­vier­leh­rer empfehlen. 

Schwe­re Stel­len übt man ihnen zufol­ge nicht mit maxi­ma­ler Kraft, son­dern mit mini­ma­lem Auf­wand durch eine ange­mes­se­ne Reak­ti­on des gesam­ten Nerven- und Mus­kel­sys­tems.16

Auf die­se Wei­se spürt man sel­ber, dass es kei­ne wirk­lich „schwe­ren” Stel­len gibt — denn lang­sam und lei­se gespielt sind alle Stel­len „leicht”.

Gro­ße Pia­nis­ten beschrei­ben die­ses Gefühl seit jeher mit den Wor­ten „das Kla­vier spielt von allein”.

Denkfehler Nr. 4 — Viel Bewegung fördert die Beweglichkeit

Die Annah­me, dass viel Bewe­gung die Beweg­lich­keit för­dert ist ein wei­te­rer nicht nur bei Musi­kern ver­brei­ter­ter Denkfehler.

Viel­mehr ist das Gegen­teil der Fall:

Oft wie­der­hol­te, anstren­gen­de Bewe­gun­gen kön­nen die Beweg­lich­keit von Gelen­ken stö­ren und gro­ßen Scha­den anrich­ten.17

Jede spe­zi­fi­sche Bewe­gung, z.B. die der Fin­ger, hängt in ers­ter Linie von der Gesamt­ko­or­di­na­ti­on des Men­schen ab, nicht nur der an die­ser Bewe­gung poten­zi­ell betei­lig­ten Mus­keln. Denn wie bei allen Orga­nis­men hängt auch beim Men­schen alles mit allem zusammen.

Wenn wir die Beweg­lich­keit unse­rer Fin­ger mit­tels Etü­den und Fin­ger­übun­gen ver­bes­sern wol­len, igno­rie­ren wir die­se Tat­sa­che und tun so, als wür­den unse­re Fin­ger nicht mit unse­rem Kör­per ver­bun­den sein und ihre Bewe­gung sich nicht auf den gesam­ten Kör­per aus­wir­ken — und umgekehrt.

Gro­ße Pia­nis­ten haben die­sen Zusam­men­hang natür­lich erkannt und beto­nen seit jeher: dass es beim Üben nicht auf das iso­lier­te Fin­ger­trai­ning ankommt, son­dern viel­mehr dar­auf, auf­merk­sam jede Note zu ver­fol­gen und dabei den Kör­per als Gan­zes nicht zu „ver­ges­sen”:

Die Rumpf- und Rücken­kräf­te geben sozu­sa­gen ihre Kraft an die Schulter- und Arm­mus­keln wei­ter, und der Arm selbst bleibt, da er nur Kraft­ver­mitt­ler ist, mög­lichst ent­spannt. Die so her­vor­ge­ru­fe­nen Töne klin­gen nie gedrückt, son­dern stets frei und schwe­bend.18 Eliza­beth Caland

Der Arm ist wie eine elas­ti­sche Bogen­seh­ne, eine frei­schwin­gen­de Ach­se — eine Bogen­seh­ne von den Schul­ter­blät­tern bis zur Fin­ger­spit­ze.19 Franz Liszt zu Fre­de­ric H. Clark

Noch deut­li­cher wird Liszt in die­sen Zei­len an Fre­de­ric H. Clark:

Dir war es ja leicht, denn du hast noch nie Fin­ger­übun­gen gemacht, son­dern (…) hast die Arme von dem Rücken aus an die Kla­via­tur her­an­ge­bracht und von den Schul­tern aus ganz natur­ge­mäß gespielt und noch nicht an eine Art Hand­hal­tung oder Fin­ger­übung gedacht.

Das ist auch der rich­ti­ge Anfang und für dich von gro­ßem Vor­teil, denn es bleibt die ein­zi­ge, wah­re Basis.20

Liszt berei­cher­te die Kla­vier­tech­nik näm­lich nicht durch sei­ne Etü­den, son­dern durch „die Aus­wei­sung des Spiels auf den gan­zen Arm unter akti­ver Mit­wir­kung der Schul­ter und des Rückens”, so Bert­rand Ott21

Liszt befrei­te die Kla­vier­tech­nik von den Fes­seln der „ruhi­gen Hand, star­re Fin­ger” Schu­le. Sein herr­li­cher Kör­per­me­cha­nis­mus, kon­trol­liert von einer nahe­zu per­fek­ten Koor­di­na­ti­on, wird voll­stän­dig genutzt, um musi­ka­li­schen Zie­len zu die­nen.22 Karl Hal­le

Ist näm­lich der Kopf, das Becken, der Brust­korb, die Schul­tern oder die Wir­bel­säu­le ange­spannt, ein­ge­klemmt oder ver­spannt — also die Gesamt-Koordination gestört — ist die gene­rell vor­han­de­ne Bewe­gungs­frei­heit der Schul­ter­ge­len­ke, Ellen­bo­gen, Hand­ge­len­ke und der ein­zel­nen Fin­ger­ge­len­ke ein­ge­schränkt und unser natür­li­ches Reflex­sys­tem blockiert.

Wir sind dann gezwun­gen, die blo­ckier­te Bewe­gungs­frei­heit durch erhöh­ten Kraft­auf­wand zu kompensieren.

Cho­pin betrach­te­te wie Liszt die Fin­ger­be­we­gun­gen nicht los­ge­löst von Arm und Schulter. 

Nur ein beweg­li­ches und frei­es Hand­ge­lenk ermög­li­che es den Fin­gern in einer unge­zwun­ge­nen, frei­en Bewe­gung die Töne „aus dem Instru­ment zu zie­hen” statt sie anzu­schla­gen.23

Der Scheideweg

Jeder Kla­vier­spie­ler, der es ernst meint, kommt irgend­wann ein­mal an den Punkt, an dem mit Kraft und Här­te kein Fort­schritt mehr zu erzie­len ist.

Er hat dann zwei Mög­lich­kei­ten: ver­su­chen, über den kri­ti­schen Punkt hin­aus noch wei­ter zu ver­här­ten, was zu Ver­let­zun­gen führt (wie Mus­kel­ver­här­tung und Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung), oder er geht den umge­kehr­ten Weg: er lässt los.

Dabei fin­det eine Ver­schie­bung des Fokus statt: von der Quan­ti­tät – also vom ziel­fi­xier­ten üben, ange­streng­tem Bemü­hen und Übe­pen­sum als Kri­te­ri­um, zur Qua­li­tät: auf wel­chem Weg errei­che ich mein Ziel. 

Alle Kla­vier­spie­ler, die es auf die Musik-Hochschule geschafft haben, haben den zwei­ten Weg gewählt. Auch bei uns war es so.

Lernen durch Neu-Konditionierung

Die­ser zwei­te Weg erfor­dert in ers­ter Linie eine kom­plet­te Umer­zie­hung des Denkens. 

Da sie sich der Feh­ler, die sie bege­hen, gänz­lich unbe­wusst sind, müs­sen sich wahr­schein­lich vie­le Stu­den­ten einer voll­stän­di­gen Umer­zie­hung zwecks rich­ti­ger Aus­nüt­zung ihrer Fähig­kei­ten unterziehen.

Erst wenn man sich in die­se Arbeit ver­tieft hat, erkennt man, wie sehr der Groß­teil der Men­schen nicht in der Lage ist, sei­ne in ihnen schlum­mern­den Fähig­kei­ten voll aus­zu­nüt­zen.24 Ray­mond Thil­ber­ge, blin­der Klavierpädagoge

Statt gewohn­heits­mä­ßig das Ziel anzu­steu­ern — geht es nun dar­um, sich auf den Pro­zess ein­zu­las­sen. Die Mit­tel zu hin­ter­fra­gen, mit denen wir dar­an arbei­ten, ein guter Kla­vier­spie­ler zu wer­den. Die gan­ze Auf­merk­sam­keit muss sich auf das hier und jetzt richten:

  • Wie atme ich,
  • wie sit­ze ich,
  • was spü­re ich,
  • ist der Arm frei, 
  • wo hal­te ich fest, 
  • wo ver­span­ne ich mich,
  • übe ich zu viel Druck aus, 
  • hal­te ich mei­ne Hand­ge­len­ke fest oder sind sie durchlässig,
  • bewe­ge ich aktiv die Finger 
  • oder las­se ich sie von den Tas­ten heben, 
  • bin ich geis­tig anwe­send oder sind mei­ne Gedan­ken wo anders?
  • usw.

Es ist ein lan­ger Weg sei­ne Gewohn­hei­ten zu ändern und funk­tio­niert nur über eine Neu-Konditionierung. 

Wenn wir z.B. eine bes­se­re Hal­tung anneh­men wol­len, weil wir vom krum­men Sit­zen ver­spannt sind, dann nützt es wenig, sich will­kür­lich auf­zu­rich­ten und sich aktiv dar­um zu bemü­hen, indem wir die Schul­tern zurück­drü­cken, den Brust­korb nach oben schie­ben und den Hals recken. 

Das ist der Ver­such, einer „schlech­ten” Gewohn­heit eine neue „gute” drüberzustülpen.

Die­ser direk­te Weg ein­ge­fah­re­ne Bewe­gungs­mus­ter zu ändern funk­tio­niert aber nicht, son­dern führt nur zu neu­en Span­nungs­mus­tern. Man ist zwar jetzt nicht mehr krumm, aber dafür steif. Die Mus­keln ermü­den schnell und bald hat mein wie­der sei­ne gewohn­te Hal­tung angenommen.

Wie sollte man dann Gewohnheiten ändern?

Hein­rich Jaco­by hat jah­re­lang so genann­te Begab­te beob­ach­tet und konn­te in Kur­sen mit so genann­ten Unbe­gab­ten und in Kur­sen mit Erwach­se­nen sei­ne The­se bele­gen, dass das, was uns als Bega­bung erscheint „durch eine natür­li­che, unge­stör­te und ange­mes­se­ne Reak­ti­on auf gewis­se Auf­ga­ben­stel­lun­gen ent­steht”.25 In die­sem Sin­ne sag­te auch Fre­de­rick M. Alexander: 

Für unser Bei­spiel mit dem Wunsch sei­ne Kör­per­hal­tung zu ver­än­dern, bedeu­tet das:

Das Auf­rich­ten der Wir­bel­säu­le geschieht natür­li­cher­wei­se ganz von allein, sofern unser Nerven- und Mus­kel­sys­tem die auto­ma­ti­sche Auf­rich­tung der Wir­bel­säu­le gegen die Schwer­kraft nicht auf­grund schlech­ter Gewohn­hei­ten behin­dert bzw. stört.

Beson­ders ein­drück­lich lässt sich das an Klein­kin­dern beobachten.

Wenn wir ler­nen, Ver­span­nun­gen bewusst wahr­zu­neh­men, inne­zu­hal­ten und sie los­zu­las­sen, wird sich als Fol­ge davon der Kör­per von selbst auf­rich­ten bzw. eine Bewe­gung auf natür­li­che, d.h. effi­zi­en­te und öko­no­mi­sche Wei­se ausführen.

Wenn wir unse­re Hal­tung also lang­fris­tig ver­bes­sern möch­ten, dann heißt es, dass wir z.B. unse­ren Kopf nach vor­ne und oben und unse­ren Hals frei „den­ken” (pas­siv — Nicht-Tun), statt uns die Anwei­sung zu geben ihn zu „ent­span­nen” (aktiv — Tun). 

Die Hal­tung wird sich ver­bes­sern, weil wir die für die­se Bewe­gung von der Natur nicht vor­ge­se­he­nen Mus­keln, die wir aber für gewöhn­lich für die­se Bewe­gung nut­zen (äuße­re Mus­ku­la­tur) los­las­sen und statt­des­sen die für die Auf­rich­tung vor­ge­se­he­nen und nun nicht mehr blo­ckier­ten Mus­keln wie­der über­neh­men kön­nen (inne­re Mus­ku­la­tur).

Das fühlt sich dann so an, als wäre man plötz­lich feder­leicht und wür­de nach oben schwe­ben, statt sich vom Boden wegzudrücken.

Was bedeutet das für das Klavierspielen?

Sowohl bei schlech­ter Hal­tung als auch beim Kla­vier­spie­len ist nicht man­geln­de Mus­kelk­fraft das Pro­blem, son­dern schlech­te Gewohnheiten.

Statt durch Mus­kel­trai­ning die nicht all­täg­li­chen Bewe­gun­gen am Kla­vier zu erler­nen, geht es dar­um, die im Muskel- und Ner­ven­sys­tem ange­leg­ten natür­li­chen und reflex­ar­ti­gen Mecha­nis­men für das Kla­vier­spie­len zu nut­zen.26

Das geschieht zuerst durch Umdenken.

  • Zum einen, indem wir uns bewusst machen, dass es kei­ne spe­zi­fisch pia­nis­ti­schen Bewe­gun­gen gibt. Das bedeu­tet, dass Kla­vier­spie­len nicht schwe­rer für unse­re Hän­de zu rea­li­sie­ren ist als Essen für unse­re Zun­ge (ohne draufzubeißen).
  • Zum ande­ren dadurch, dass wir uns bewusst machen, dass es schwe­re Stü­cke an sich nicht gibt. Unse­re Vor­stel­lung von einem schwie­ri­gen Stück wür­de uns sonst gewohn­heits­mä­ßig den gan­zen Kör­per anspan­nen las­sen und dadurch natür­li­che, freie Bewe­gun­gen der Fin­ger blockieren.

Als zwei­ter Schritt folgt das Los­las­sen bzw. „Nicht-Tun”.

Die Anwei­sung, etwas nicht zu tun kennt man aus dem Zen und es bedeu­tet kei­nes­wegs gar nichts zu tun, son­dern fal­sche oder ungüns­ti­ge Gewohn­hei­ten zu „unter­las­sen”.

Wenn wir z.B. alte Stü­cke spie­len wol­len, dann stellt das einen gro­ßen Reiz dar, der eine gewohn­te, auto­ma­ti­sche Reak­ti­on aus­löst. Haben wir es frü­her mit viel Kraft gespielt, span­nen sich unse­re Fin­ger an, wenn wir nur dar­an den­ken es zu spielen.

Sich ein­fach vozu­neh­men sich hin­zu­set­zen und es jetzt „anders” zu spie­len — weni­ger ange­spannt, mit weni­ger Kraft usw., wird nicht funktionieren. 

Die neuro-muskulären Mus­ter sind zu fest im Gehirn ver­an­kert und man wird schnel­ler als einem lieb ist wie­der in alte Gewohn­heits­mus­ter zurückgezogen.

Der Weg zu mühelosem Klavierspiel

Um die­sen Teu­fels­kreis zu durch­bre­chen gibt es nur einen Weg: 

Lei­se und lang­sam spielen.

Und zwar Takt für Takt, Note für Note. Nicht schlam­pig oder irgend­wie — son­dern mit vol­ler Auf­merk­sam­keit. Lässt sie nach, soll­te man sofort auf­hö­ren zu spie­len, es wäre Zeitverschwendung.

Der Weg ist das Ziel.

Strengt euch bei einer Schwie­rig­keit nicht an” riet Cho­pin, „aber spielt geschmei­dig und lang­sam, denn zwei­fel­los ist das ein ver­steck­ter Schatz, den Ihr ent­de­cken wer­det. Powo­li bard­zo (sehr lang­sam).27 V. Gil­le

Wenn man neu­es Stück lernt oder ein altes auf leich­te Art wie­der erlernt, dann lernt man durch lang­sa­mes und lei­ses Üben die Hand sofort nach jeder klei­nen Bewe­gung zu lösen, loszulassen. 

Auf die­se Wei­se lässt ist die Mus­ku­la­tur am Ende des Stü­ckes genau­so frisch wie beim ers­ten Takt. 

Lang­sam kon­di­tio­nie­ren wir das mühe­lo­se Kla­vier­spiel, ler­nen, uns auf unse­re uralten Reflex­sys­te­me auch beim Kla­vier­spie­len zu ver­las­sen und wer­den eins mit dem Instru­ment statt dage­gen anzukämpfen.

Zusammenfassung

Alles hängt mit allem zusammen

Wir haben gelernt, dass es beim Kla­vier­spie­len auf die Gesamt-Koordination ankommt und man die Bewe­gun­gen der Fin­ger nicht iso­liert betrach­ten kann. 

Wenn wir unba­lan­ciert sit­zen, nicht atmen oder die Schul­tern hoch­zie­hen und anspan­nen — dann wirkt sich das auf die Gesamt-Koordination aus. 

Ver­su­chen wir, die feh­len­de Koor­di­na­ti­on durch Mus­kel­kraft aus­zu­glei­chen, wird das Spie­len sehr müh­sam und unse­re Hän­de ermü­den schnell.

Nur Alchemisten können das Eine nehmen und etwas Anderes erhalten.

Wir haben auch gelernt, dass man mit „har­ten” Spiel­me­tho­den nicht zu einem mühe­lo­sen und „wei­chen” Kla­vier­spiel kom­men kann. 

Stü­cke, die wir nur unter Auf­brin­gung all unse­rer Kraft üben, wer­den wir auch nur unter Auf­brin­gung all unse­rer Kraft spie­len können. 

Alte Lehrmethoden verfehlen ihr Ziel

Wir haben fest­ge­stellt, dass es eine deut­li­che Dis­kre­panz zwi­schen dem Ziel gibt, das Leh­rer und Kla­vier­spie­ler mit iso­lier­ten Fin­ger­übun­gen und Etü­den errei­chen wol­len und dem gewünsch­ten Ergebnis.

Um aus dem Teu­fels­kreis ange­streng­ten Spie­lens aus­zu­bre­chen, muss man sei­ne vol­le Auf­merk­sam­keit auf den Pro­zess rich­ten — auf das wie man übt und spielt. 

Näm­lich lang­sam, lei­se und sehr konzentriert.

Durch Neu-Konditionierung ungünstige Gewohnheiten auflösen

Indem man stets lang­sam und lei­se übt ler­nen Hand, Arm und Fin­ger in har­mo­ni­scher Wei­se mit mini­ma­lem Auf­wand und mini­ma­len Wegen die wei­ten Stre­cken auf der Tas­ta­tur zurückzulegen.

Man lernt dadurch auch, nicht in alte, ungüns­ti­ge Gewohn­hei­ten zurück­zu­fal­len und bei neu­en, ver­meint­lich schwe­ren Stü­cken, dem Reiz zu wider­ste­hen, sich (wie gewohnt) über­mä­ßig anzustrengen. 

Die natürlichen Bewegungsabläufe nicht stören (Nicht-Tun) und so mit minimalem Energie- und Kraftaufwand spielen

Wir haben auch gelernt, dass es schwe­re Stü­cke an sich nicht gibt, son­dern sie eine Her­aus­for­de­rung an die Koor­di­na­ti­on dar­stel­len, die wir nur durch lang­sa­mes und lei­ses Üben meis­tern kön­nen, nicht aber durch Kraft.

Unse­ren Schü­lern sagen wir von Anfang an, dass sie nicht ziel­fi­xiert ein Ergeb­nis ansteu­ern sol­len — was zwangs­läu­fig zu angesteng­tem Üben führt — son­dern stattdessen 

  • Von Anfang an mit getrenn­ten Hän­den, lang­sam und lei­se üben sollen.
  • In sich Hin­ein­füh­len, Ver­span­nun­gen bewusst wahr­neh­men und los­las­sen, sobald sie mer­ken, dass sie fest werden.
  • Die Fin­ger nicht bewusst füh­ren und kon­trol­liert set­zen sol­len, son­dern natür­lich, d.h. reflex- und feedback-gesteuert.
  • Die Fin­ger nicht zu heben, son­dern so weit es geht den Tas­ten­kon­takt bei­zu­be­hal­ten und sie von der Tas­te heben zu las­sen anstatt sie runterzudrücken.

Wenn man auf die­se Wei­se Kla­vier übt und spielt, dann wer­den die Übe­sit­zun­gen inten­si­ver — aber auch kürzer. 

Die Fort­schrit­te wer­den in jedem Fall gewal­tig sein! 

Wenn man die Chan­ce hat, dann soll­te von Anfang an „rich­tig“ spie­len ler­nen und sich den Umweg über unbe­wuss­tes, ziel­fi­xier­tes Üben spa­ren — denn das Umler­nen ist ein lang­wie­ri­ger Prozess. 

Mit unse­rem Blog wol­len wir nicht vor­be­las­te­te Anfän­ger, genau­so wie ver­zwei­fel­te Kla­vier­spie­ler dabei unter­stüt­zen eine freie und mühe­lo­se Kla­vier­tech­nik zu ent­wi­ckeln (bzw. sie freizulegen).

Jetzt bist du dran!

Wenn Du es bis hier­her geschafft hast, dann meinst Du es mit dem Kla­vier­spie­len wirk­lich ernst!

➜ Ich möch­te, dass Du Dich jetzt gleich ans Kla­vier setzt, ein paar Mal tief durch­at­mest und „ankommst” — und den ers­ten Takt des Stücks, das Du gera­de lernst, mit getrenn­ten Hän­den, lei­se und sehr sehr lang­sam und bewusst spielst. 

Ver­su­che dabei nichts zu wol­len, kein Ziel anzu­steu­ern, son­dern Dei­ne Hand auf die Tas­ta­tur zu legen und die Fin­ger von der Tas­te heben zu las­sen und zu beob­ach­ten, was beim Spie­len alles passiert.

Wie hat sich das angefühlt? 

Spie­le das Stück danach nicht mehr, son­dern erst mor­gen wie­der. Mache das­sel­be: lang­sam und lei­se spie­len und es dann ruhen las­sen bis zum nächs­ten Tag.

Spie­le es am drit­ten Tag in nor­ma­lem Tem­po und auch mal mit bei­den Hän­den zusam­men. Spürst Du einen Unter­schied? Fühlt es sich anders an? Tei­le Dei­ne Erfah­run­gen mit uns!

Ich freue mich auf Dei­nen Kom­men­tar! 🙂

  • Margarita Gross | PianoTube
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Quellen

  1. The Sur­pri­sing Way That Simp­le Actions Can Chan­ge Your Mind. New rese­arch reve­als how your hands and face influ­ence your opi­ni­ons, auf­ge­ru­fen am 06.03.15. []
  2. [Focus | 35 (2012)] Geziel­te Übun­gen polen das Gehirn auf „gute Lau­ne“ um, auf­ge­ru­fen am 06.03.2015. []
  3. Wiki­pe­dia – Syn­er­gie, auf­ge­ru­fen am 1.03.2016. []
  4. Ulrich und Johan­nes Frey: Fall­stri­cke. Die häu­figs­ten Denk­feh­ler in All­tag und Wis­sen­schaft, S.56ff. []
  5. Vgl. Ebd. []
  6. Renn­schuh, Hel­mut: Kla­vier­spie­len, Alexander-Technik und Zen. Frei von stö­ren­den Mus­tern die Musik gesche­hen las­sen, 2001, S. 94. []
  7. Ebd., S. 91. []
  8. Ebd. []
  9. Ebd., S. 21. []
  10. Ebd., S. 18. []
  11. Ebd. []
  12. Ebd., S. 88. []
  13. Ebd., S. 99. []
  14. Ebd. []
  15. Ebd. []
  16. Ebd., S. 42. []
  17. Krat­z­ert, Rudolf: Tech­nik des Kla­vier­spiels. Ein Hand­buch für Pia­nis­ten, 2002, S. 24. []
  18. Ebd, S. 105. []
  19. Ebd., S. 90. []
  20. Ebd., S. 89. []
  21. Ebd., S. 87. []
  22. Ebd. []
  23. Ebd., S. 93. []
  24. Ebd., S. 107. []
  25. Ebd., S. 22. []
  26. Ebd., S. 20. []
  27. Ebd., S. 39. []

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