Noten lernen – ja oder nein?

Noten lernen – ja oder nein? | PianoTube

Oft wer­de ich gefragt, ob man denn zum Kla­vier­spie­len auch Noten ler­nen müs­se. Vie­le Leu­te schä­men sich gera­de­zu dafür, dass sie kei­ne Noten lesen kön­nen. Dabei machen die­se Leu­te oft­mals schon erfolg­reich Musik — Noten­kennt­nis­se waren für sie bis­her noch nicht ein­mal erforderlich. 

War­um sind vie­le Anfän­ger, wenn es um Noten geht, also so verunsichert?
Muss man, wenn man ein Instru­ment spielt, unbe­dingt Noten lesen können?

Was ist Musik — und welche Rolle spielen dabei die Noten

Ganz ein­fach: Noten sind in Schrift­zei­chen aus­no­tier­te Musik. Noten sind also nur ein Ver­weis auf die Musik. 

Musik ent­steht, wenn das, was auf den Noten­blät­tern steht, durch das Spie­len zum Klin­gen gebracht wird. Ein­zel­ne Töne erge­ben selbst sogar noch kei­ne Musik — Musik ist die Span­nung, die in der Abfol­ge zwi­schen ver­schie­de­nen Noten und Har­mo­nien ensteht.

Warum notiert man Musik dann aber überhaupt aus?

Ursprüng­lich wur­de Musik münd­lich tra­diert. Als die Musik kom­ple­xer wur­de (man woll­te schließ­lich nicht immer das­sel­be spie­len und sin­gen…), mach­ten sich die Musi­ker, meis­tens Sän­ger, klei­ne Zei­chen über dem Lie­dext. Die­se Zei­chen zeich­ne­ten den Weg der Melo­die nach: an die­ser Stel­le geht die Melo­die nach oben, an jener nach unten, hier macht man eine Pau­se usw. 

Die­se Zei­chen dien­ten also als Gedächt­nis­stüt­ze. Je viel­fäl­ti­ger die Stü­cke wur­den, des­to kom­ple­xer wur­de auch die Nota­ti­on, bis man bei der uns heu­te bekann­ten Nota­ti­on ange­langt war. 

Noten sind aber nur eine Mög­lich­keit der Wei­ter­ga­be von Musik — Musik kann auch genau­so­gut von Mensch zu Mensch wei­ter­ge­ge­ben wer­den, wie es ursprüng­lich auch der Fall war. 

Die meis­ten Leu­te kön­nen bei­spiels­wei­se diver­se Lie­der pro­blem­los aus dem Kopf nach­sin­gen, ohne jemals Noten gelernt zu haben. Ent­spre­chend wur­den bei­spiels­wei­se Volks­lie­der auch nur sehr spät, näm­lich erst im 19. Jahr­hun­dert aus­no­tiert. Bis dahin wur­den sie von Genera­ti­on zu Genera­ti­on durch das Sin­gen selbst weitergegeben.

Erst kommt die Musik — dann die Noten

Ich möch­te also Fol­gen­des festhalten: 

Bei ein­fach struk­tu­rier­ten Stü­cken kann man auf Noten ver­zich­ten. Ursprüng­lich wur­de Musik münd­lich wei­ter­ge­ge­ben bzw. man hat sie ein­fach nach Gehör gespielt. Noten dien­ten ledig­lich als Gedächt­nis­stüt­ze, falls man z.B. ein Lied schon lan­ge nicht mehr gesun­gen hat, konn­te man nach­gu­cken, wie der Schluss noch­mal ging.

Beim heu­ti­gen Musik­un­ter­richt ist es (lei­der) genau umge­kehrt, hier müs­sen wir erst müh­sam die Noten ler­nen und dann vom blo­ßen Abspie­len und Tas­ten­drü­cken irgen­die zum Musikmachen kom­men.

Nachspielen — und sofort Musik machen

Wobei man sagen muss, dass in der Musik­päd­ago­gik gera­de ein Umden­ken statt­fin­det und man auf­grund der gro­ßen Nach­fra­ge von Musik­un­ter­richt schon für Kin­der­gar­ten­kin­der dazu über­geht wie­der mit der Musik selbst anzufangen. 

Man fängt erst mit dem Sin­gen an und lernt „hin­zu­hö­ren”, Klän­ge und Ton­dau­ern nach Gehör zu unter­schei­den, sodass man die Grund­la­gen der Musik spie­le­risch lernt, lan­ge bevor man die ers­ten Noten zu Gesicht bekommt.

Auch wir sind über­zeugt davon, dass das Erler­nen eines Musik­in­stru­ments am bes­ten mit der Nach­spiel­me­tho­de funk­tio­niert, bei der man am Anfang auf das Noten­ler­nen und ‑abspie­len ver­zich­tet. Das wich­tigs­te beim Musik­ma­chen ist schließ­lich der Klang bzw. das Klang­er­geb­nis.

Das Klang­er­geb­nis ist umso bes­ser, je dif­fe­ren­zier­ter die eige­ne Klang­vor­stel­lung ist – und die­se ist wie­der­um umso bes­ser, je bes­ser und nuan­cier­ter man hören kann.

Das Gehör wird jedoch nur mit­tels akti­vem Hin­hö­rens geschult. Das Begin­nen des Musik­un­ter­richts mit dem Noten­le­sen unter­wan­dert die­sen Lernprozess. 

Das Nach­spie­len nach unse­ren Vide­os hat zusätz­lich den Vor­teil, dass man die Musik direkt musi­ka­lisch vor­ge­spielt bekommt, sodass das eige­ne Ergeb­nis mit hoher Wahr­schein­lich­keit eben­falls musi­ka­lisch sein wird. 

Umge­kehrt hat das Kla­vier­ler­nen nach mit­tel­mä­ßi­gen bis schlech­ten Video-Tutorials den Nach­teil, dass man doch nur das Drü­cken der rich­ti­gen Tas­ten lernt anstatt Musik zu machen. Hat der Spie­ler, der die Tuto­ri­als macht selbst kei­nen Sinn für Musi­ka­li­tät und spielt dazu unöko­no­misch und damit schlicht­weg „falsch”, dann blei­ben zum einen das Gehör und die Vor­stel­lungs­kraft unter­ent­wi­ckelt was Klang­nu­an­cen und Musi­ka­li­tät betrifft, zum ande­ren rui­niert man sich mög­li­cher­wei­se von Anfang an sei­ne Tech­nik und muss schon von Tag eins an mit der Kla­via­tur „kämp­fen” anstatt das Spie­len und den Pro­zess ein­fach zu genießen.

Das klingt dra­ma­tisch, zeigt jedoch nur die Effek­ti­vi­tät der Nach­spiel­me­tho­de. Sie kann Fluch und Segen zugleich sein, man soll­te sich also etwas Zeit neh­men, bevor man sich auf bestimm­te Tuto­ri­als fest­legt. Im bes­te Fall spielt der Vor­spie­ler ent­spannt, frei und musikalisch.

Hat man gute Tuto­ri­als gefun­den, wird man mit hoher Wahr­schein­lich­keit schnel­ler Fort­schrit­te machen als sei­ne Freun­de, die mit dem Noten­ler­nen begin­nen. Denn die Lern­kur­ve ist beim Kla­vier­ler­nen mit der Nach­spiel­me­tho­de weit­aus stei­ler, da das Gehirn nicht mit Infor­ma­tio­nen über­las­tet wird. 

Anstatt sich zu über­le­gen: wel­che Note ist das, wo fin­de ich sie auf der Kla­via­tur, wie lang ist die Ton­dau­er, muss ich Vor­zei­chen beach­ten, muss ich sie akzen­tu­iert spie­len, wel­chen Fin­ger neh­me ich, usw. — sehe und höre ich das und kann es sofort nachspielen. 

Noten sind der Schlüssel zum Schatz jeglicher verfügbarer Musik

Damit mich nun aber nie­mand falsch versteht:

Noten ler­nen soll­te man letzt­end­lich den­noch, um für sich die Mög­lich­keit zu erschlie­ßen, jeg­li­che ver­füg­ba­re Musik, die in Noten notiert wur­de, auch selbst in Musik spie­len zu können. 

Es gibt im Inter­net zahl­rei­che frei erhält­li­che Noten — die Fähig­keit Noten lesen zu kön­nen ist der Schlüs­sel zum gro­ßen Schatz der ver­füg­ba­ren Musik­li­te­ra­tur!

Wenn du noch Fra­gen oder Anmer­kun­gen hast, freue ich mich auf dei­nen Kommentar!

  • Margarita Gross | PianoTube
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