5 Dinge, die du als Klavierspieler unbedingt vermeiden solltest

5 Dinge, die du als Klavierspieler unbedingt vermeiden solltest | PianoTube

In die­sem Bei­trag möch­te ich die fünf ver­brei­tets­ten Spiel­an­wei­sun­gen auf­zei­gen, mit denen man garan­tiert nicht lernt wie man ent­spannt Kla­vier spielt, wie man schnell spielt oder wie musi­ka­lisch Kla­vier spielt. Denn die­se drei Aspek­te hän­gen zusam­men und bedin­gen einander.

Ver­traut man unhin­ter­fragt die­sen Spiel­an­wei­sun­gen ver­lernt man das Gefühl für eine natür­li­che, öko­no­mi­sche Spiel­wei­se und ent­wi­ckelt lang­fris­tig eine unge­sun­de Kla­vier­tech­nik, die nicht nur die Lern­fort­schrit­te blo­ckiert, son­dern schlimms­ten­falls zu ernst­haf­ten Ver­let­zun­gen führt.

PianoTube - Klavier online lernen | Das Geheimnis mühelosen Klavierspiels | © Paul-Georg Meister, PIXELIO

In den meis­ten Fäl­len basie­ren die­se Spiel­an­wei­sun­gen auf wis­sen­schaft­lich nicht bestä­tig­ten oder sogar wider­leg­ten Annah­men, die die Kla­vier­leh­rer unhin­ter­fragt von ihrem eige­nen Leh­rer über­nom­men haben und die sie lei­der all­zu oft für ihren Erfolg beim Kla­vier­spie­len rück­wir­kend ver­ant­wort­lich machen.

Schau­en wir sie uns an:

1. Übe Etüden, um bestimmte Spieltechniken zu erlernen

Warum du es lieber nicht tun solltest…

Der Grund, war­um in den letz­ten hun­dert Jah­ren so vie­le Kla­vier­leh­rer von der auf Etü­den und Fin­ger­übun­gen basier­ten Kla­vier­tech­nik über­zeugt sind, liegt nicht in ihrem fun­dier­ten Wis­sen über neu­ro­phy­sio­lo­gi­sche Funk­ti­ons­wei­sen, Bewe­gungs­öko­no­mie und ihren Kennt­nis­sen der Bio­me­cha­nik, son­dern ein­zig in ihrem mecha­nis­tisch gepräg­ten Welt- und Menschenbild. 

Ins­be­son­de­re im 19. Jahr­hun­dert wur­de die mecha­nis­ti­sche Welt­an­schau­ung prä­gend für alle Wis­sen­schafts­be­rei­che. Man begriff den Men­schen als Maschi­ne, die aus ein­zel­nen Tei­len zusam­men­ge­setzt ist, die man getrennt von­ein­an­der „trai­nie­ren” kann. 

Was da alles an gym­nas­ti­schen Übun­gen absol­viert wird, an extre­men Fin­ger­hub und ande­ren akro­ba­ti­schen Ver­ren­kun­gen gepre­digt und prak­ti­ziert wird, was da an para­mi­li­tä­ri­schem Drill bis heu­te noch statt­fin­det, um den Fin­gern das Lau­fen bei­zu­brin­gen – es ist kaum zu glauben! (…) 

Meis­tens besteht die Nei­gung, spe­zi­el­le und kom­pli­zier­te Tricks zu zei­gen und zu for­dern, statt eine soli­de hand­werk­li­che Basis zu legen.1 Rudolf Krat­z­ert, Klavierpädagoge

Dahin­ter steht die Grund­an­nah­me, dass unser Kör­per nicht selbst weiß, wie er bestimm­te Bewe­gun­gen am effi­zi­en­tes­ten aus­führt und man ihm von Außen mit­tels geeig­ne­ter Übun­gen nach­hel­fen müsse. 

Es ist absurd anzu­neh­men, der Mensch sei das ein­zi­ge Lebe­we­sen auf Erden, das so imper­fekt geschaf­fen ist, dass es sich zeit­le­bens um eine gute Koor­di­na­ti­on sei­ner Funk­tio­nen bemü­hen müsste.
Viel wahr­schein­li­cher ist es, dass wir (…) oft eine schlech­te Wahl der Mit­tel tref­fen. (…) Der Mensch ist unend­lich lern­fä­hig, aber eben nach jeder Sei­te hin – also auch zum Schlechten.
Dar­um zählt beim Rei­fungs­pro­zess eines Men­schen nicht die Quan­ti­tät von Erfah­run­gen, son­dern deren Qua­li­tät.2 Rudolf Krat­z­ert, Klavierpädagoge

Um nun den Fin­gern all die ver­schie­de­nen Posi­tio­nen und Tech­ni­ken bei­zu­brin­gen, die sie von Natur aus nicht beherr­schen, haben Päd­ago­gen wie Hanon gan­ze Samm­lun­gen an Etü­den ver­fasst — eine, für jede Tech­nik — mit dem Ziel, so alle Tech­ni­ken im Vor­aus zu erler­nen, um für alles gewapp­net zu sein, was in der Kla­vier­li­te­ra­tur an tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten auf einen lau­ern könnte. 

Die­se Sicht­wei­se ist sehr sta­tisch — man hat schwie­ri­ge Tech­ni­ken und Etü­den, die bestimm­te Bewe­gun­gen erfor­dern, die den Fin­gern ein­ver­leibt wer­den sol­len, um sie abru­fen zu kön­nen wenn Stück X oder Y sie erfordert. 

Man­che hal­ten die­se Metho­de tat­säch­lich für „ganz­heit­lich” und ver­su­chen Par­al­le­len zur öst­li­chen Phi­lo­so­phie zu zie­hen. Die Theo­rie steht aber auf mehr als wacke­li­gen Bei­nen, denn das Gegen­teil ist der Fall. 

Bei einer wirk­lich »ganz­heit­li­chen« Spielweise…
  • …wird der gesam­te Kör­per bei jeder Spiel­be­we­gung mit­ge­dacht und es spie­len nicht nur die Finger.
  • …man lässt die Schwer­kraft für sich arbei­ten, indem man lernt das unnö­ti­ge Anspan­nen der Mus­keln zu unter­las­sen und den „klei­nen” Mus­keln die Arbeit über­lässt anstatt ein­zel­ne Bewe­gungsfor­men zu kon­di­tio­nie­ren und der Anspren­gung mit kom­pen­sa­to­ri­schen, will­kür­li­chen Bewe­gun­gen mit­tels der „gro­ßen” Mus­keln entgegenzuwirken. 
  • …schließ­lich ist beim Üben der „Geist” sehr aktiv. Man spielt mit vol­lem Bewusst­sein acht­sam Note für Note, wäh­rend man sich von der musi­ka­li­schen Vor­stel­lung lei­ten lässt anstatt mecha­nisch und zum Teil geis­tig abwe­send die Noten herunterzuspielen.

Das ganz­heit­li­che Kla­vier­spiel trägt dem Umstand Rech­nung, dass wir kei­ne iso­lier­ten Hand­lun­gen aus­füh­ren können. 

Wenn wir z.B. unse­ren Arm bewe­gen, dann gebrau­chen wir die ver­schie­de­nen psycho-physischen Mecha­nis­men des gan­zen Kör­pers, des­sen Zusam­men­wir­ken erst die Bewe­gung eines bestimm­ten Kör­per­teils hervorruft. 

Wenn wir z.B. spre­chen, dann kommt der Aus­druck durch Stim­me, Zun­gen­schlag, Kie­fer­be­we­gung, Lun­ge (Atmung), usw. zustan­de. Wir spre­chen mit einem beson­de­re­nen Tim­bre, einer beson­de­ren Dik­ti­on, Reso­nanz und Sprech­me­lo­die, wir lis­peln oder stot­tern, usw. Bestimm­te Fak­to­ren wer­den durch unse­re Stim­mung und unser Selbst­bild beein­flusst.

Wird das Ziel erreicht?

Man­che glau­ben ja. Doch die Wahr­heit ist, dass sie trotz und nicht wegen der Etü­den so gut spie­len. Mit „kräf­ti­gen” Fin­gern ist es bio­me­cha­nisch näm­lich gar nicht mög­lich schnell oder schön Kla­vier zu spielen.

Mehr dazu hier: Spiel­tech­nik — Wege zu einer natür­li­chen Spiel­wei­se

Abge­se­hen davon soll­te auch die psy­chi­sche Kom­po­nen­te nicht über­se­hen wer­den. Wenn man Schü­ler per­ma­nent, noch bevor sie die ers­ten Noten eines Stü­ckes gespielt haben, dar­auf hin­weist, wie „schwer” es ist und dass sie „extra viel üben” müs­sen, um es zu ler­nen, löst das eine psy­chi­sche und phy­si­sche Grund­span­nung aus, die sich (auch im Sin­ne einer sich selbst erfül­len­den Pro­phe­zei­hung) ganz sicher nega­tiv auf das Spie­len aus­wir­ken wird.

2. Spiele täglich Hanon-Übungen, um „in Form” zu bleiben

Warum man es lieber nicht tun sollte…

Da die Übun­gen Hanons im Grun­de genom­men Etü­den sind, gilt das oben gesag­te ent­spre­chend auch für sie. Hanon hat ver­sucht, mit sei­nen Etü­den ein Kom­pen­di­um aller Spiel­tech­ni­ken zusam­men­zu­stel­len. Es ist ihm mög­li­cher­wei­se auch gelun­gen, die Tech­ni­ken bis zum Zeit­al­ter der klas­si­schen Epo­che zusam­men­zu­stel­len. Doch schon im Zeit­al­ter der Roman­tik fin­den sich zuhauf Tech­ni­ken, die durch Hanon nicht mehr abge­deckt werden. 

Doch selbst wenn sei­ne Übun­gen sämt­li­che Spiel­tech­ni­ken abde­cken würden: 

Eines der pri­mä­ren Zie­le Hanons ist in mecha­nis­ti­scher Tra­di­ti­on die Kräf­ti­gung der Mus­keln. Mit kräf­ti­gen Fin­gern soll der Tas­ten­wi­der­stand leich­ter über­wun­den wer­den. Aller­dings ist auch das ein Mythos. 

Was pas­siert, wenn man erst mit über­mä­ßig hoher Kraft­an­stren­gung Etü­den spielt, ist, dass die Mus­keln dadurch kurz­fris­tig eine höhe­re Grund­span­nung haben (bzw. einen höhe­ren Mus­kel­to­nus) und das Spie­len des Stü­ckes sich danach mühe­lo­ser anfühlt. 

Das klingt doch ganz gut?

Jein.

Was pas­siert, wenn das Stück sehr schnel­le Pas­sa­gen ent­hält oder Tril­ler, Tre­mo­li, schnel­le Akkordsprünge?

Man wird immer fes­ter. Und kei­ne Etü­de und Fin­ger­übung der Welt, auch nicht acht Stun­den üben am Tag wird dar­an etwas ändern.

Denn die Mus­kel­span­nung lässt sich nicht unend­lich stei­gern und ein hoher Mus­kel­to­nus führt zwangs­läu­fig zu einer ver­rin­ger­ten Beweglichkeit.

Die Kraftaufbau-Methode hilft also nur bis zu einem bestimm­ten Grad — ab einem bestimm­ten Punkt merkt man, dass jedes wei­te­re Quänt­chen Mus­kel­span­nung einen behin­dert — man wird immer fes­ter und immer lang­sa­mer. Das ist der Punkt, an dem vie­le Kla­vier­spie­ler verzweifeln.

Was kann man da tun? 

Es gibt tat­säch­lich eine ziem­lich ein­fa­che Lösung für die­ses Pro­blem. Es ist so ein­fach, dass vie­le es gar nicht erst aus­pro­bie­ren wol­len, aus Angst, dass sie sich jah­re­lan­ge uner­träg­li­che Übe­sit­zun­gen hät­ten spa­ren können.

Doch es gilt nach vor­ne zu schau­en. Wenn es jetzt eine Lösung gibt, dann soll­te man sie jetzt nut­zen, um in 5 bis 10 Jah­ren nicht am sel­ben Punkt zu ste­hen (immer noch). 😉

Hast du schon mal erst­klas­si­ge Eis­kunst­läu­fer, Bal­lett­tän­zer oder Sur­fer beob­ach­tet? Oder Bad­min­ton­spie­ler oder Mountainbiker? 

Ich habe mir neu­lich im Fern­se­hen die Sen­dung »Myth Bus­ters« angesehen…
Dort soll­te ein Motor­rad­fah­rer über einen See fah­ren. Nach meh­re­ren miss­glück­ten Expe­ri­men­ten mit Dum­mies und Maschi­nen, haben sie es drauf ankom­men las­sen — und sie­he da: er hat’s geschafft. 

Natür­lich haben sie vor­her die phy­si­ka­li­schen Gege­ben­hei­ten erfasst und alles so genau wie mög­lich ber­rech­net, um das Risi­ko zu mini­mie­ren. Ins­be­son­de­re bei der Wahl des Fah­rers — sie haben sich den „Bes­ten” geholt. Ich wuss­te sofort, wie­so er der Bes­te wer­den konnte. 

In der Zeit­lu­pen­auf­nah­me sah man sehr schön, was sonst unse­rem Blick ver­bor­gen bleibt: wie er mit­ten in der Fahrt sei­nen Kör­per los­lässt bis auf die locke­re Ver­bin­dung sei­ner Hand­ge­len­ke mit dem Lenkrad. 

Er passt sich wäh­rend des „Flu­ges” stän­dig dem Motor­rad an und gleicht die Bewe­gungs­rich­tung und Impul­se aus. 

Sein Kör­per ist abso­lut geschmei­dig und die Glie­der „lose”. Der Kopf zeigt in die Bewe­gungs­rich­tung nach vor­ne ohne dass er sei­nen Hals starr fest­hal­ten wür­de. Der Rücken ist nicht gekrümmt, son­dern lang und gestreckt, man sieht, wie die Arme mit ihm Ver­bun­den sind. 

Offen­sicht­lich nimmt der Fah­rer sei­nen Kör­per als Gan­zes wahr und sieht sich gleich­zei­tig in Rela­ti­on zu sei­ner Umge­bung. Wäre das nicht der Fall, wäre er nur Kopf; wür­de er sich nur auf sei­ne Bein­hal­tung kon­zen­trie­ren, wür­de er der Umwelt und den Impul­sen des Motor­rads nicht mehr gewahr sein und könn­te die­sen Stunt unmög­lich ausführen.

Das­sel­be Phä­no­men kann man auch bei ande­ren Künst­lern beob­ach­ten, bei eini­gen immer, bei ande­ren wäh­rend der Aus­übung haar­sträu­bend kom­ple­xer und kom­pli­zier­ter Bewegungsvorgänge. 

Von Außen betrach­tet wir­ken ihre Bewe­gun­gen sehr ele­gant und har­mo­nisch und vor allem über­haupt nicht schwer, son­dern gera­de­zu lächer­lich ein­fach (bis man es selbst versucht).

Wie machen sie das?

Indem sie einem ein­fa­chen Prin­zip fol­gen: sie nut­zen die Schwer­kraft opti­mal aus. Sie ach­ten wäh­rend der Aus­füh­rung nicht auf die rech­te Hand oder lin­ken Fuß und sie stren­gen sich auch nicht beson­ders an und machen vor­her extra vie­le Kraftübungen.

Ganz im Gegen­teil. Es geht um Balan­ce, ums das Gleich­ge­wicht.

Statt Kraft­übun­gen machen sie viel­leicht ein paar locke­re Auf­wärm­übun­gen.

Wäh­rend des Auf­tritts las­sen los und pen­deln wie ein Pen­del um den Schwer­punkt her­um, nut­zen die Impul­se und Flieh­kräf­te opti­mal aus. Dar­aus ergibt sich oft unbe­ab­sich­tigt ein effi­zi­en­ter Kör­per­ge­brauch unter Auf­wand von so viel Kraft wie gera­de nötig und so wenig wie mög­lich, damit dem natür­li­chen Prin­zip der kleins­ten Wir­kung folgend.

Das funk­tio­niert aller­dings nur, wenn man sei­nen Kör­per wäh­rend­des­sen als Gan­zes fühlt, wenn man „geer­det” ist. Nur so ist kon­ti­nu­ier­li­ches Aus­ba­lan­cie­ren möglich. 

Ist das Becken steif, hält man den Kopf fest, den Atem an oder krampft sich mit den Füßen am Boden fest, kann man nicht stän­dig die nöti­gen mini­ma­len Anpas­sun­gen vor­neh­men. Wie wich­tig die­se jedoch sind, merkt man als Musi­ker vor allem beim Gei­ge spielen.

Beispiel: Ju Jutsu

Die­ses Prin­zip der kleins­ten Wir­kung (auch Hamil­ton­sches Prin­zip genannt) ist beim Jiu Jitsu Pro­gramm. Die­se Kampf­kunst steht für die Tech­nik des Grei­fens, Umschlin­gens und Nie­der­wer­fens. Es ist eine sehr effek­ti­ve Metho­de der Selbst­ver­tei­di­gung ohne Waf­fen beru­hend auf dem Grund­satz, den Geg­ner dadurch zu fäl­len, dass man ihm nach­gibt und sich des­sen eige­ne Kraft zunut­ze macht. 

Beim Ju Jutsu geht es haupt­säch­lich darum, …
..den Geg­ner aus dem Gleich­ge­wicht zu brin­gen. Wenn die­ser nur einen Moment zögert, sein Geist eine Mil­li­se­kun­de abge­lenkt ist, kann er nicht mehr aus­wei­chend auf den Schlag in sei­ne Mit­te reagie­ren und fällt. Wenn er einen fal­schen, unacht­sa­men Schritt macht — ist der Kör­per wie­der nicht gleich­mä­ßig gestützt und fällt. 

Dar­um gilt es immer prä­sent zu sein, geer­det (Boden­kon­takt bei­der Füße) und die Knie leicht zu beu­gen, um geschmei­dig und nach­gie­big zu sein.

Wür­de man sich hin­ge­gen fest machen und die Mus­keln anspan­nen, wür­de man bei einem Angriff umkip­pen wie ein Stuhl und müss­te dop­pelt so viel Kraft auf­wen­den wie nötig, um den Geg­ner zu tref­fen. Hin­ge­gen hal­biert sich die Kraft, wenn man die des Angrei­fers auf­nimmt und zurückschleudert. 

Gleich­zei­tig gilt — je mehr Kraft man selbst auf­wen­det, umso wahr­schein­li­cher kommt man selbst zu Scha­den, weil man durch zu viel Schwung nicht mehr recht­zei­tig aus­ba­lan­cie­ren kann. Es ist das­sel­be, wie sich gegen eine Tür mit einem schwa­chen Rie­gel zu wer­fen: sie fliegt auf und man stürzt zu Boden.

Je mehr du dich bemühst, je stär­ker du stram­pelst, je mehr Kraft du rein­steckst, umso behen­der erwischt er dich.3 Alan Watts

Für das Kla­vier­spie­len gilt das­sel­be: Je mehr Kraft man rein­steckt, je mehr man sich anstrengt — umso lang­sa­mer kommt man vor­an. Statt­des­sen gilt es, sich das Tas­ten­ge­wicht zunut­ze zu machen.

Mehr dazu hier: Das Spiel mit fla­chen Fin­gern — Pro und Contra

Die Vor­aus­set­zung dafür ist wie­der­um ein gutes Gleich­ge­wicht, des­sen Vor­aus­set­zung wie­der­um eine gute Ver­bin­dung zum Rücken und zu den Sitz­hö­ckern ist, die beim Sit­zen unser Zen­trum bilden.

Machst du die­se Feh­ler beim Sit­zen am Kla­vier? (+Check­lis­te)

3. Spiele laut und deutlich, um eine akkurate Spielweise auszuarbeiten

Warum man es nur selten tun sollte…

Natür­lich ist es ab und an sinn­voll, laut und deut­lich zu spie­len, z.B. wenn eine bestimm­te Stel­le im Stück es erfor­dert; eine lau­te Stel­le soll­te selbst­ver­ständ­lich bei einem Vor­spiel auch laut gespielt werden. 

Aus dem „laut und deut­lich spie­len” wird jedoch mei­ner Erfah­rung nach all­zu oft eine regel­rech­te Manie: In der Pra­xis sieht es näm­lich häu­fig so aus, dass das gan­ze Stück erst „laut und deut­lich” vom Schü­ler geübt wer­den soll und erst spä­ter die Dyna­mik (z.B. lei­se Stel­len) „hin­zu­ge­fügt” wer­den soll. 

Das gewohn­heits­mä­ßig lau­te Spie­len führt in den meis­ten Fäl­len dazu, dass der Schü­ler gar nicht mehr in die Tas­ten hin­ein­spürt und unkon­trol­liert so laut wie mög­lich spielt (bzw. drauf­häm­mert), weil er ja „laut” spie­len soll. Um dem gan­zen die Kro­ne auf­zu­set­zen geschieht das auch noch mit einem stei­fen Hand­ge­lenk, das in einem frü­hen Sta­di­um des Unter­richts noch gar nicht gelernt hat „los­zu­las­sen”.

Schließ­lich wird das ohne­hin schon fes­te Hand­ge­lenk das per­ma­nen­te Laut-Spielen über die Jah­re noch wei­ter ver­här­tet und zu einer gedan­ken­lo­sen Gewohn­heit mit fata­len Folgen.

Das lei­se und locke­re Spie­len nah an den Tas­ten wird dem­ge­gen­über fata­ler­wei­se unter­schätzt bzw. fin­det im Unter­richt bei vie­len Leh­rern gar nicht erst statt. 

Selbst beim lei­sen Spiel ver­sucht der in die­sem Fall schlecht unter­rich­te­te Schü­ler das Hand­ge­lenk noch wei­ter zu ver­fes­ti­gen, um die Töne nicht aus Ver­se­hen wie­der raus­zu­häm­mern, wie es der Gewohn­heit ent­spre­chen wür­de. Das geht meist über­haupt nicht gut — viel­mehr ist der Klang durch das fes­te Hand­ge­lenk gepresst und sehr uneben.

Unkun­di­ge Leh­rer emp­feh­len das lau­te Spiel meist, wenn sie mer­ken, dass die Töne dyna­misch unkon­trol­liert sind. Sie füh­ren das dar­auf zurück, dass eini­ge Fin­ger eben „zu schwach” sei­en, um die Tas­ten mit eben­so­viel Kraft wie die ande­ren Fin­ger run­ter­zu­drü­cken. Doch das ist eine Fehlinterpretation. 

Es geht näm­lich ers­tens nicht dar­um die Tas­ten ein­zeln Fin­ger für Fin­ger „run­ter­zu­drü­cken” und zwei­tens ist die „Kräf­tig­keit” der Mus­keln für das Kla­vier­spiel irrelevant.

Viel­mehr gilt es, so viel Arm­ge­wicht wie für den benö­tig­ten dyna­mi­sche Grand nötig ist von einem Fin­ger zum nächs­ten weiterzugeben. 

Man hält also nicht das Hand­ge­lenk fest und drückt einen Fin­ger nach dem ande­ren run­ter, son­dern legt den Arm auf die Tas­ta­tur, lässt alle Fin­ger bis auf einen los lie­gen, ent­zieht dann dem Arm so viel Schwe­re wie nötig, um den gewünsch­ten Klang zu erzie­len und passt mit dem Fing­erwech­sel jeweils den Schwer­punkt neu an. (Kei­ne Sor­ge, auch dazu sind How To Vide­os geplant!)

Der Schü­ler also, der den Anwei­sun­gen sei­nes Leh­rers gewis­sen­haft folgt, wird mit der Laut-üben-Methode kein gleich­mä­ßi­ges Klang­bild und schon gar kein ent­spann­tes Spie­len erreichen. 

Da lau­tes Spie­len meist mit­tels beson­ders hohem Kraft­auf­wand geschieht, gilt das unter Punkt 2 Gesag­te ver­stärkt noch ein­mal hier. Der Schü­ler wird sich bei so einem Unter­richt mit den Jah­ren und schwe­rer wer­den­den Stü­cken immer hilf­lo­ser füh­len — wenn er über­huapt Fort­schrit­te macht und je über ein bestimm­tes Anfänger-Level hin­aus kommt.

Zuletzt fühlt man sich auch bei Vor­spie­len und Kon­zer­ten beson­ders unsi­cher, wenn man immer nur beson­ders „laut und deut­lich” geübt hat, weil die dann auf­tre­ten­de Ner­vo­si­tät den Grund-Muskeltonus noch wei­ter erhöht und das Spie­len dadurch ins­be­son­de­re mit den gefürch­te­ten kal­ten Fin­gern noch anstren­gen­der und unkon­trol­lier­ter, ja gera­de­zu zum Glück­spiel, wird. 

Das ist bei einer nicht auf Mus­kel­kraft basier­ten Kla­vier­tech­nik übri­gens nicht der Fall. Die Beweg­lich­keit der Fin­ger ergibt sich dann nicht aus dem Hoch­he­ben der Fin­ger (was man tut, wenn man beim Üben zu Hau­se beson­ders „deut­lich” spie­len soll), son­dern aus der Fähig­keit kleins­te Mus­kel­an­span­nun­gen zu loka­li­sie­ren und los­zu­las­sen, sodass die klei­nen Bewe­gun­gen nicht blo­ckiert werden.

Ver­traue dei­nem Körper

Sich bewe­gen­de Fin­ger an einem locke­ren Arm sind eigent­lich das natür­lichs­te der Welt. Nie­mand käme z.B. auf die Idee, einen Stift per­ma­nent mit größ­ter Kraft fest­zu­hal­ten oder so fest wie mög­lich beim Schrei­ben zu drü­cken. Sel­bi­ges gilt auch für das Klavierspiel. 

Doch die durch unfun­dier­te Spiel­an­wei­sun­gen ent­stan­de­ne Fes­tig­keit beim Kla­vier­spie­len hat die sehr bedenk­li­che Neben­ei­gen­schaft, das Gefühl für natür­li­che, locke­re Bewe­gun­gen voll­stän­dig zu ver­drän­gen.

Spä­tes­tens im Jugend­al­ter (falls man es als Schü­ler über­haupt so lan­ge durch­hält), kann eine „har­te Spiel­wei­se” zu ernst­haf­ten Schä­den füh­ren — von Mus­kel­ver­här­tun­gen bis hin zur chro­ni­schen Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung. Die heut­zu­ta­ge an jeder grö­ße­ren Musik­hoch­schu­le vor­han­de­ne Musi­ker­me­di­zin-Abtei­lung weiß ein Lied davon zu singen.

4. Hebe die Finger „schön hoch”, damit sie „kräftiger” werden

Warum man es lieber nicht tun sollte…

Die­ser Punkt ist eng ver­knüpft mit Punkt 3. Hin­ter der Auf­for­de­rung, die Fin­ger „weit hoch­zu­he­ben” steht die Annah­me, dass man dadurch irgend­ei­ne Art von „Stär­kung” oder eine „Unab­hän­gig­keit der Fin­ger” errei­chen könne. 

Eine „mus­ku­lä­re” Stär­kung der Fin­ger ist aber nur in einem sehr begrenz­ten Maß mög­lich, eine „Unab­hän­gig­keit” der Fin­ger phy­sio­lo­gisch gese­hen über­haupt nicht.

Die Fin­ger sind von Natur aus ver­schie­den. Es ist völ­lig nor­mal, dass sich der 3.,4. und 5. Fin­ger schlech­ter nach oben, also von den Tas­ten weg heben las­sen. Auch pro­fes­sio­nel­le Pia­nis­ten kön­nen den Ring­fin­ger nicht höher heben als ein Nicht-Pianist. 

In Wahr­heit müs­sen die Fin­ger beim Kla­vier­spiel nur mini­mal ange­ho­ben wer­den und dabei nie­mals über die Höhe des Hand­rü­ckens hin­aus. Allein die­ses simp­le „Erkennt­nis” allein sorgt bei vie­len Schü­lern für Erleichterung!

Dar­über hin­aus muss man für die Auf­wärts­be­we­gung der Fin­ger (z.B. in dem Moment, in dem man eine Tas­te spielt und sie wie­der los­las­sen will) nur zu einem klei­nen Teil Mus­kel­kraft benut­zen (die man kaum noch als wirk­li­che „Kraft” wahr­nimmt) und zum grö­ße­ren Teil das „Auf­ge­wicht” der Tas­te – d.h. die Kraft, die die Kla­vier­tas­te nach dem Anschlag wie­der in ihre Ursprungs­po­si­ti­on bringt. 

Ein zu star­kes Heben der Fin­ger ist nicht nur unnö­tig, son­dern sogar gefähr­lich (Seh­nen­schei­den­ent­zün­dun­gen, Mus­kel­ver­här­tun­gen etc…). 

5. Lerne Noten, um nach Noten spielen zu können

Kann man machen, muss man aber nicht

Was sind Noten? Noten sind in Schrift­form fest­ge­hal­te­ne Musik. Sie wur­de vor Jahr­hun­der­ten ent­wi­ckelt, um sich Musik mer­ken und wei­ter­ge­ben zu können.

Das Ziel eines guten Musi­kers ist jedoch auch heu­te noch das aus­wen­di­ge Spiel. Nur so kann man die Musik unge­stört durch sich durch­flie­ßen las­sen und aus dem Moment her­aus spielen. 

Auf wel­cher Basis man das Stück aus­wen­dig lernt, ist im Grun­de zweit­ran­gig: Ob man es nach Gehör nach­spielt, von Noten lernt oder mit­tels Video-Tutorials, wie wir sie auf Pia­noTu­be anbie­ten — das Ergeb­nis wird das­sel­be blei­ben: Man lernt, aus­wen­dig zu spielen.

Des­we­gen: Natür­lich kann und soll­te jeder­mann, der den Wunsch ver­spürt, Noten zu ler­nen, das auch tun. Dafür haben wir die Musiktheorie-Kurse schließ­lich auch erstellt 😉 ) Aber:

Denn nach Noten spie­len zu ler­nen geht ein­deu­tig lang­sa­mer als mit­tels direk­ter Nach­ah­mung oder mit­hil­fe eines Video-Tutorials.

Man kann bei­spiels­wei­se den Anfang von „Für Eli­se” bei vor­han­de­ner Moti­va­ti­on noch im ers­ten Jahr oder sogar in den ers­ten Mona­ten mit­hil­fe eines Video-Tutorials (einer Video­an­lei­tung) lernen. 

Bis man „Für Eli­se” allein auf Basis der Noten aus spie­len ler­nen könn­te, wür­den hin­ge­gen mit Sicher­heit 2 Jah­re vergehen.

Fazit

Letzt­end­lich geht es bei allen tech­ni­schen Schwie­rig­kei­ten des Kla­vier­spiels nicht dar­um, die Fin­ger in einem opti­ma­len Bereit­schaftszustand zu „hal­ten” (schon die Wort­wahl ver­deut­licht hier ein mecha­nis­ti­sches Welt­bild). Son­dern viel­mehr dar­um, unter allen Umstän­den die Geschmei­dig­keit der Bewe­gun­gen des gesam­ten Kör­pers (Füße, Rücken, Arme, Hän­de, Fin­ger) zu gewähr­leis­ten, indem wir Anspan­nun­gen bewusst wahr­zu­neh­men und ver­spann­te Stel­len „los­zu­las­sen” lernen.

Letz­te­re Her­an­ge­hens­wei­se ist ganz­heit­li­cher ori­en­tiert, berück­sich­tig die Erkennt­nis­se der Bio­me­cha­nik und der Neu­ro­phy­sio­lo­gie und ermög­licht es uns jedes belie­bi­ge Stück, jede belie­bi­ge Ton­lei­ter auch ohne Auf­wär­men und ohne „Fin­ger­trai­ning” spie­len zu kön­nen (auch mit kal­ten Fingern!). 

Das kann man auf zwei Wegen erreichen:

  1. Über den Umweg von hun­der­ten von Etü­den, bis man per Zufall lernt loszulassen.
  2. Auf direk­tem Wege durch Kon­zen­tra­ti­on auf den Pro­zess (Prä­senz).

Die ers­te Metho­de ist ver­ta­ne Lebenszeit. 

Die Bewe­gun­gen wer­den hier­bei durch jah­re­lan­ge Über­for­de­rung in ihrer Fes­tig­keit „gebro­chen”. Die Mus­keln müs­sen sich ab einem gewis­sen Punkt zwangs­läu­fig ent­span­nen, um sich nicht zu über­las­ten. Das tun sie aber nicht bei jedem.

Unzäh­li­ge Kla­vier­spie­ler haben sich durch stu­res, ziel­fi­xier­tes Etü­den­spie­len Ver­let­zun­gen zuge­zo­gen. Schnel­le Läu­fe, Tril­ler oder Ton­re­pe­ti­tio­nen kön­nen sie dann jedoch noch immer nicht spielen.

Im Gegen­satz zur ers­ten, übli­chen Metho­de, kämpft man bei der zwei­ten nicht so lan­ge gegen den Wider­stand an, bis die Glie­der los­las­sen müs­sen.

Statt­des­sen ach­tet man von der ers­ten Note an von vorn­her­ein dar­auf, sie mit so wenig Kraft­auf­wand wie mög­lich und nur so viel wie nötig zu spielen. 

Es ver­steht sich von selbst, dass die­se Art des Übens zunächst nur bei sehr lang­sa­men Tem­po mög­lich ist – ins­be­son­de­re, wenn man zuvor jah­re­lang „fest” gespielt hat und die neu­ro­mus­ku­lä­ren Mus­ter im Gehirn neu prä­gen muss.

Jetzt bist du gefragt!

Wie hast du Kla­vier spie­len gelernt? Nach Noten, durch Nach­spie­len oder sogar nach Gehör?

Waren dei­ne Erfah­run­gen mit Etü­den oder Fin­ger­übun­gen eher posi­tiv oder negativ?

Wie ist dein Spiel­ge­fühl — ganz gut, ok oder verbesserungswürdig? 

Ich freue mich auf dei­nen Kommentar! 🙂

  • Margarita Gross | PianoTube
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Quellen

Krat­z­ert, Rudolf: Tech­nik des Kla­vier­spiels. Ein Hand­buch für Pia­nis­ten, Kas­sel 2002.
de Alcan­t­a­ra, Pedro: Alexander-Technik für Musi­ker, Kas­sel 2005.
Foto: © Paul-Georg Meis­ter / PIXELIO.

  1. Krat­z­ert, Rudolf, S. 30. []
  2. Krat­z­ert, Rudolf, S. 29. []
  3. Watts, Alan: Vom Geist des Zen, S. 107. []

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