Drei Auswendiglern-​Methoden

Es gibt wohl kaum eine Sache, die so manchen Klavierspieler mehr zur Verzweiflung gebracht hat, als das Auswendiglernen von Stücken. Für viele gilt es als lästiger Arbeitsschritt, der nach dem eigentlichen Aneignen des Stückes noch vollbracht werden muss.

Meistens ist die anfängliche Euphorie für das Stück durch das regelmäßige Durchspielen zu diesem Zeitpunkt bereits verflogen, was die Sache oft noch unangenehmer macht.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, haben wir einige Methoden zusammengefasst, die das Auswendiglernen erleichtern.

Die Durchspiel-„Methode“

Von Anfang bis Ende – immer wieder

Leider die gängigste Form des Übens.

Man spielt das Stück so oft von Anfang bis Ende durch, bis etwas hängen bleibt.

Hauptsächlich wird dabei das Fingergedächtnis beansprucht.

In den meisten Fällen bleibt der Anfang des Stücks, am besten im Gedächtnis, da dieser am meisten gespielt worden ist.

Darüber hinaus ist das Gedächtnis am Anfang einer Übephase noch frisch und das Gehirn sehr aufnahmefähig. Das führt ebenfalls dazu, dass man sich den Anfang des Stücks am besten merken kann.

Vorteile:

  • Es ist kaum geistige Anstrengung erforderlich.

Nachteile:

  • Es dauert ziemlich lange ein Stück zu lernen.
  • Es fördert eine Gewohnheit des generell unkonzentrierten Übens, Fehler durch Unachtsamkeit können sich durch Wiederholung einschleifen.
  • Man verspielt sich häufiger bei Vorspielen als es mit anderen Lernmethoden der Fall wäre.

Die kognitive Methode

Bau‘ dir eine Eselsbrücke

Die kognitive Methode ist vorallem bekannt geworden durch Walter Gieseking (1931). Hierbei wird der Notentext rational zergliedert und beschrieben:

Man beschreibt das Stück von vorne bis hinten in Worten.

Die Beschreibung dient als „Eselsbrücke“, um sich an die eigentlichen Noten zu erinnern.

Zum Beispiel:

Man muss sich bei einem C-Dur-Lauf nicht an jede einzelne Note erinnern, sondern beschreibt ihn als „C-Dur-Lauf von c‘ bis c“ und hat damit die Stelle gedanklich zusammengefasst. Bei komplexeren musikalischen Gebilden ist dies natürlich nicht ganz so einfach, aber das Prinzip ist dasselbe.

Bei dieser Methode ist es von Vorteil, wenn man schon ein umfassendes theoretisches Verständnis von Musik hat, das man auf die Stücke anwenden kann.

Hat man dieses nicht, können die selbst erstellten Eselsbrücken im Gegenteil sogar zu einem falschen harmonischem Verständnis führen, da man sich irgendwas von den Noten her gedanklich zurechtschustert. Das kann einem zwar dennoch beim Auswendiglernen helfen – funktionsharmonisch könnte es aber völlig daneben sein. Dessen sollte man sich zumindest bewusst sein.

Vorteile:

  • Bei regelmäßiger Übung und entsprechendem Gedächtnis ist ein rasches Lernen von Stücken möglich. (Gieseking selbst schreibt beispielsweise, dass er „in 3h […] oder 2 Tagen das 3. Rachmaninov-Klavierkonzert auswendig gelernt“ habe.)

Nachteile:

  • Ein musiktheoretisches Verständnis ist Voraussetzung.
  • Ein hoher Grad an Disziplin ist erforderlich – für manche birgt die Methode wenig Spaß an der Sache (dafür vielleicht umso mehr Freude bei einem raschen Ergebnis).

Die mentale Methode

Lerne gemütlich auf dem Sofa

Populär wurde diese Methode spätestens 1996 durch Renate Klöppel und ihr Buch Mentales Training für Musiker – Leichter lernen – sicherer auftreten. Es wurde versucht, schon länger bekannte Erkenntnisse der Sportwissenschaft auf das Musizieren zu übertragen.

Auch für Musiker ist diese Methode nicht unbekannt, schon 1895 hat Bernard Boekelman seine Schüler Fugen von Bach lernen lassen, indem er sie anwies, farblich markierte Fugenstimmen am Schreibtisch auswendig zu lernen. Das Lernen geschieht bei dieser Methode also in der Regel abseits vom Klavier, nur mit dem Notentext auf dem Tisch.

Man spielt (und hört im besten Fall) das Stück gedanklich durch.

Diese Methode ist dabei nicht nur für das Auswendiglernen von großem Nutzen, sondern auch ein Geheimtipp, wenn es insbesondere um das Lösen von technischen Problemen geht.

Zum Beispiel:

Stockt man bei schwierigen Stellen und übt man das „Stocken“ durch nachlässiges Üben nachhaltig ein, so kann man durch ein mentales Durchgehen das Stocken nach und nach auflösen. Zum einen, indem man es sich bewusst macht und zum anderen, indem man z.B. unwillkürliche Muskelanspannungen erkennt und diese mit der Zeit auch inhibiert (unterbrechen, hemmen).

Vorteile:

  • Man schleift praktisch keine Fehler durch nachlässiges Üben ein, da man ständig konzentriert sein muss.
  • Dadurch ist ein sauberes, sicheres und entspanntes Vorspielen garantiert.
  • Es schult das innere (und damit auch das äußere) Hören und die Vorstellungskraft.
  • Es hilft dabei spieltechnische Probleme zu überwinden.

Nachteile:

  • Möglicherweise keine sofortigen Erfolge erzielbar.
  • Methode braucht etwas Übung.

Fazit

Wie du siehst, haben alle drei Methoden ihre Vor- und Nachteile. Daher ist es sehr wichtig, sich nicht auf eine einzige Methode zu versteifen.

Am besten benutzt man eine Kombination aller Techniken, um das zu Lernende so gut wie möglich zu festigen und auch bei Vorspielen und Auftritten vor Gedächtnislücken gefeit zu sein.

Wie sind deine eigenen Erfahrungen mit dem Auswendiglernen von Stücken? Welche Methoden hast du schon ausprobiert?

Kennst du vielleicht eine weitere Methode, die wir noch nicht genannt haben? Wenn ja – wie sind deine Erfahrungen mit ihr?

Schreib uns deine Meinung in die Kommentare! 🙂

  • Anton Ratsimar | PianoTube

Ein Kommentar

  1. Frü­her muß­te ich für Vor­spie­le in der Mu­sik­schu­le die Stü­cke aus­wen­dig ler­nen. Wenn ich dann wäh­rend des Vor­spiels hän­gen ge­blie­ben bin, ha­be ich nicht mehr zu­rück ins Spiel ge­fun­den. Nun ha­be ich schon lan­ge kein Stück mehr aus­wen­dig ge­lernt, wür­de ger­ne, aber scheue den Auf­wand.

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