Das Spiel mit flachen Fingern – Pro und Contra

Das Spiel mit flachen Fingern - Pro und Contra

Kopiere nicht äußere Bewegungen

Richtig ist, was sich gut anfühlt

PianoTube - Klavier online lernen | Spieltechnik: Spielgefühl radikal verbessern | © Christian Hilgers, PIXELIODie Klavierpädagogik tendierte lange Zeit dazu, Spielbewegungen von außen zu betrachten und auf der Grundlage von Beobachtungen Spielanweisungen zu erteilen. Das gipfelte in Anweisungen wie zum Beispiel der, dass man beim Klavierspielen die Hand gekrümmt halten soll, als würde man einen kleinen Ball in der Handfläche halten, die zum Teil schwerwiegende Verletzungen zur Folge hatten.

Wer dieses Experiment einmal selbst durchführt – sich also vorstellt, er halte beim Klavierspielen einen Ball in der Handfläche – wird schnell merken, dass mit diesem Gedanken an ein entspanntes Klavierspiel gar nicht zu denken ist.

Die Hand verkrampft schon bei der bloßen Vorstellung, einen imaginären Ball in der Handfläche halten zu müssen.

Diese im Grunde falsche Beschreibung führte dazu, dass Pädagogen anfingen, das Gegenteil davon, nämlich das Spiel mit flachen Fingern zu lehren, darunter z.B. der durch das Internet bekannte Klavierpädagoge Chuan C. Chang.

Wenn du es kannst, spiele mit flachen Fingern

Aber achte darauf, dass die Finger nicht kollabieren

Chuan C. Chang (zu finden z.B. über Google) empfiehlt generell, nicht mit abgerundeten Fingern und der Fingerkuppe zu spielen, sondern mit flachen (sogar „ausgestreckten“) Fingern und mit dem „Polster“ unter der Fingerkuppe.

Die Praxis hat gezeigt, dass diese Spielweise praktikabel ist. Pianisten wie bspw. Vladimir Horowitz spielten auf diese Weise auf einem überragenden technischen Niveau.

Dennoch kann ich diese Technik nicht ohne Bedenken jedem Anfänger empfehlen.

Bei dem Spiel mit flachen Fingern tendiert man nämlich leicht dazu, mit dem Finger-Mittelglied zu führen und dabei am Finger-Endgelenk zu kollabieren.

So vermeidet man das Kollabieren der Finger

Will man beim flachen Fingerspiel das Kollabieren des Fingerendgelenks vermeiden, dann sollte man von den Fingerspitzen aus denken – dadurch kommt man automatisch wieder in eine etwas „aufrechtere“ Handhaltung und zum Spiel mit den Fingerkuppen, was sich für mich insgesamt mehr wie natürliches „Greifen“ anfühlt.

Man kann sich auch vorstellen, dass die Fingerspitzen an den Tasten „kleben“.

Tatsächlich haben Beobachter des Chopinschen und Liszschen Klavierspiels ihr Spiel so beschrieben:

Liszts gewölbte aber keinesfalls vollkommen flache Finger schienen an den Tasten geklebt und schlugen sie nicht. Bertrand Ott

Die lisztsche Technik hebt die Finger wenig an, da der Kontakt der Fingerkuppen mit der Tastatur fast konstant bleibt (…).1 Bertrand Ott

Bei der Beschreibung von Chopins Klavierspiel wird mehrmals darauf hingewiesen, dass er die Tasten nicht aktiv mit den Fingern „anschlug“, sondern vielmehr das Tastengewicht nutzend, die Finger von den Tasten hochdrücken ließ – was einen jederzeit sehr engen Kontakt der Fingerspitzen mit den Tasten voraussetzt:

„Schmiegt euch der Taste an, einschmeichelnd, liebkosend, aber stoßt, schlagt, klopft sie niemals!“ sagte Chopin. (…) Und sein Schüler George Mathias fügte hinzu, um seinen Ratschlag zu bestätigen: „Man muss sozusagen das Klavier kneten mit einer Samthand, und die Taste mehr fühlen als sie anzuschlagen.“ 2 Armand J. Piron

(…) die Tasten mehr reagieren lassen als auf ihnen agieren.3 Jean-Jacques Eigel­din­ger

Nicht bei einfach zu repetierenden Tönen die Taste verlassen, nur den Finger sehr weich hochkommen lassen durch die Taste selbst.4 Auguste-Joseph Fran­chomme

Die Hand-„Haltung“ ist irrelevant

Auf alle Fälle gilt es zu vermeiden, äußere Formen und Haltungen blind nachzuahmen.

Das, was wir sehen, kann durchaus richtig sein – aber wir sehen nicht, was im Inneren des Menschen passiert. Zumal nur wenige Menschen, insbesondere Künstler, über eine präzise Beobachtungsgabe verfügen. Und selbst die nützt einem wenig, wenn sie nicht gleichzeitig mit einem sehr guten Körperbewusstsein gepaart ist, um das Beobachtete auch adäquat umsetzen zu können – was für noch weniger Menschen im Erwachsenenalter zutrifft.

Statt das Pferd also von hinten aufzuzäumen (über das Kopieren), nehmen wir das Beobachtete als Richtung wahr und fühlen dann in uns hinein. Nur so können wir die Bewegung wirklich zweckmäßig ausführen.

Damit Bewegung zweckmäßig sei, ist die schwere Arbeit, den Körper zu bewegen, den Muskeln zu übertragen, welche für diese Aufgabe bestimmt sind.5 Moshé Feldenkrais

Wir müssen also unsere Wahrnehmungsfähigkeit, nicht unsere Muskeln trainieren, um feinste Unterschiede und Reize bewusst wahrnehmen und lokalisieren zu lernen, nur dann können wir im richtigen Moment, an der richtigen Stelle loslassen – sodass der Körper dem Prinzip des geringsten Energieaufwandes folgend – alle Bewegungen zweckmäßig, harmonisch, fließend und mühelos ausführen kann.

Zusammenfassung

Und damit kommen wir zum Fazit:

Die grundlegendste Regel bezüglich der Hand ist schlicht die, dass sie sich möglichst natürlich, geschmeidig und den Umständen entsprechend bewegen muss, um sich den verschiedensten Spielsituationen automatisch anpassen zu können.6

Die für seine Hand optimale Position findet man, wenn man von der flachen Handposition aus wieder von den Fingerspitzen aus denkt und dabei alle Gelenke durchlässig (jedoch nicht „schlaff“) lässt.

Jetzt bist du dran!

Hast du vielleicht auch schon die Erfahrung gemacht, dass sich das Klavierspielen einfach „unbequem“ anfühlt?

Wenn du unseren Tipp ausprobiert hast – wie sich das Spielgefühl verändert?

Oder hat der Beitrag mehr Fragen aufgeworfen statt beantwortet? Wenn du etwas noch genauer wissen willst – dann schreib es unten in die Kommentare!

Ich freue mich auf deinen Kommentar! 🙂

  • Anton Ratsimar | PianoTube

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Foto: © Chris­tian Hil­gers / PIXELIO

  1. E. Roth 2001, Nr. 786 (Übersetzung) []
  2. E. Roth 2004, S. 91. []
  3. E. Roth 2004, S. 138. []
  4. E. Roth 2004, S. 140. []
  5. Ebd. 126. []
  6. Rennschuh, Helmut: Klavierspielen, Alexander-Technik und Zen (Forum Musikpädagogik, Bd. 94), 2011, S. 109. []

Ein Kommentar

  1. Im­mer wie­der su­che ich nach hilf­rei­chen Sei­ten, die mir in­for­ma­ti­ve Tipps ge­ben kön­nen und so mei­nen Er­klä­run­gen bei Schü­lern mehr Halt ge­ben. So­eben hat die­se Sei­te es ge­schafft, mir die lan­ge Su­che zu er­spa­ren. Klas­se! Die Er­klä­run­gen hier sind gut und auch die ein­ge­bun­de­nen Zi­ta­te las­sen kei­nes­wegs ei­nen lan­ge­wei­li­gen Ein­druck.

    Fa­zit: Top!

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