3 Gründe, warum Musikmachen Dünger für’s Gehirn ist

3 Gründe, warum Musikmachen Dünger für’s Gehirn ist | PianoTube

Die Tatsache, dass Musik die Eigenschaft besitzt, solch intensive Glücksgefühle zu bewirken, (…) legt nahe, dass Musik, wenn sie auch nicht für das Überleben der Art Mensch unbedingt notwendig ist, doch einen deutlichen Beitrag zu unserem geistigen und körperlichen Wohlbefinden leisten könnte.1 Manfred Spitzer, Hirnforscher

Wenn man etwas sucht, findet man im Internet zahlreiche Beiträge zu den positiven Effekten, die Musikmachen auf Intelligenz, Sozialkompetenz, Persönlichkeitsentwicklung und das kognitive Denken hat.

Das ist ja alles schön und gut – aber warum bewirkt Musik Verbesserungen in so vielen verschiedenen Bereichen?

Die Antwort ist:

Musik wirkt auf alle Teile des Gehirns: auf Stammhirn, limbisches System und Kortex.

Und sie bewirkt dabei prinzipiell das Gleiche wie andere biologisch wichtige Reize, etwa Essen. Das hängt mit der Ausschüttung des Neurotransmitters Dopamin und von Opioiden zusammen, die die körpereigenen Belohnungssysteme anregen.

Klavierspielen macht aber nicht nur Spaß und ist „Balsam für die Seele“:

Beim Klavierspielen […] lernt das Gehirn hervorragend, vielfältige Aktivitäten gleichzeitig auszuführen. Wird ein solches Zusammenspiel intensiv geübt, so kann es lebenslang Aufmerksamkeit, Intelligenz, Selbsterkenntnis und Ausdrucksfähigkeit fördern. John J. Ratey, Hirnforscher

Warum das so ist, erklären uns Hirnforscher:

1. Die musikalische Intelligenz ist die wichtigste Teilintelligenz

Der amerikanische Kognitionspsychologe und Harvardprofessor Howard Gardner ist bekannt für seine Theorie der „Multiplen Intelligenzen“, die insbesondere durch die Hirnforschung der letzten Jahre bestätigt wurde.

Multiple Intelligenzen nach Howard Gardener
Gardener vertritt einen ganzheitlichen Intelligenzbegriff, der nicht nur kognitive, sondern auch emotionale und soziale Fähigkeiten einschließt. Die musikalischen Fähigkeiten (die Verarbeitung von Tonhöhen, Harmonien, Rhythmen und Klangfarben) hebt er in den Rang einer eigenen Teilintelligenz.

Gardener hält die musikalische Intelligenz für eine der wichtigsten Teilintelligenzen des Menschen.

Gardener bestätigt die Beobachtung, dass sich musikalische Muster positiv auf andere Lebensbereiche und Fähigkeiten auswirken.

Wir würden durch Musikmachen nicht nur die Kernkompetenzen der musikalischen Intelligenz erwerben, sondern auch unseren Körper schulen und lernen, uns und andere zu verstehen.

Vorurteil: Musik sei „nicht so wichtig“ wie die naturwissenschaftlichen Fächer

Eine weitere wichtige Erkenntnis seiner Studien ist:

Denken lässt sich von Emotion nicht trennen.2

Jede Teilintelligenz wird in ihrer Entfaltung behindert, wenn eine andere Teilintelligenz vernachlässigt wird. Wird die musikalische Teilintelligenz also vernachlässigt – können wir unser volles Potenzial nicht nutzen.

Bilden wir uns aber musikalisch weiter, verbessern sich auch die kognitiven Fähigkeiten.

2. Musikmachen verbindet beide Gehirnhälften

Wir Menschen haben zwei Gehirnhälften, die sich in ihrer Funktion stark voneinander unterscheiden.

Die rechte Gehirnhälfte ist für Kreativität, Musik, Emotionen, Intuition, usw. zuständig; die linke für Sprache, Logik, Differenzierung von Fakten, Entziffern von Symbolen, usw.

Das Gehirn arbeitet insgesamt umso besser, je besser sich die Gehirnhälften ergänzen und zusammenarbeiten.

Am deutlichsten ist die strukturelle Veränderung des Gehirns am „Balken“ (corpus callosum), der die beiden Gehirnhälften miteinander verbindet, abzulesen. Bei Kindern, die vor ihrem 7. Lebensjahr Musik machten, hat der Balken mehr Nervenfasern als bei Nicht-Musikern (dieser Balken besitzt bei Musikern ca. 15% mehr Nervenfasern als bei Nicht-Musikern).

Wer selbst Musik macht, dem wachsen nicht nur neue Nervenverbindungen im Gehirn – auch die bestehenden Nervenverbindungen werden effizienter miteinander verknüpft, wodurch sich das Gehirn ganzheitlicher entwickelt.

Wir nutzen also nur dann unser volles Potenzial und lernen besonders effektiv, wenn beide Hirnhälften eine gelungene Symbiose eingehen.

Die verbesserte Koordination der beiden Gehirnhälften fördert nachhaltig insbesondere die Entwicklung

  • der Kreativität,
  • der Sprache,
  • des räumlichen Vorstellungsvermögens
  • und der soziale Kompetenz und Teamfähigkeit von Kindern.

Hier ein Video dazu (auf Englisch mit deutschen Untertiteln), dass diesen Vorgang kongenial veranschaulicht:


 

3. Das Gehirn von Musikern arbeitet effektiver und effizienter

Beispiel 1: Beschäftigung mit Musik schult die Sprachfertigkeiten

Beim Musikhören und Musikmachen werden viele kleine, voneinander entfernt liegende Regionen des Gehirns aktiviert und miteinander vernetzt. Fast alle Gehirnregionen, die Musik verarbeiten, sind auch bei der Sprachverarbeitgung aktiv.3

Für die Verarbeitung von Sprache und Musik werden teilweise dieselben neuronalen Bahnen oder Hirnareale genutzt.

Zum Beispiel das Broca-Areal. Obwohl man bislang davon ausging, dass es nur für das Erzeugen von Sprachlauten zuständig sei, weiß man heute, dass es sowohl beim Hören und Entschlüsseln von Sprache als auch beim Hören bekannter Musikstücke aktiviert wird.4

Außerdem ähneln sich die Regelsysteme nach denen Musik und Sprache jeweils aufgebaut sind, weshalb Musiktherapie auch sehr erfolgreich bei Sprachstörungen eingesetzt wird.

Die Überlappung von Gehirnbereichen von Musik und Sprache ist auch der Grund dafür, dass Musikmachen nicht nur das Gedächtnis für musikspezifische Informationen verbessert, sondern auch das sprachliche Gedächtnis.5

Die menschliche Sprache selbst hat eine große Bandbreite verschiedener Resonanzen und Harmonien. (…) Eine Theorie besagt, dass das Gehör so auf musikalische Harmonien reagiert, weil wir den ganzen Tag nichts anderes machen, als die harmonische Zusammensetzung der Sprache zu analysieren.6 Steven Pinker, Psychologe

Studien konnten zeigen, dass Kinder, die Musikunterricht haben, auch Sprache früher und schneller verarbeiten als Kinder, die keine Musik machen.

Das heißt, dass Musikunterricht nicht nur Auswirkung auf die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik hat, sondern sich auch auf die Prozesse der Verarbeitung von Sprache auswirkt.

Möglicherweise kommunizierten Frühmenschen schon vor der Entstehung der Sprache mittels einfacher Musik.Eckart Altenmüller, Arzt und Musiker
Ohne ein ausgesprochenes Musikverständnis könnten wir gar keine Sprache lernen. Kölsch, Stefan, Psychologe

Beispiel 2: Beschäftigung mit Musik verbessert Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration

Die Verbesserungen im kognitiven Bereich hängen mit dem Training der feinmotorischen Geschicklichkeit zusammen. Jahrelanges Üben auf einem Instrument führt zu plastischen Veränderungen des Zentralnervensystems, z.B. einer Vergrößerung der senso-motorischen Handregionen.7

Bei Musikern, die schon mehrere Jahre Musik machen, sind die Hörareale mit den Bewegungsarealen so stark miteinander verzahnt, dass die Reizung des einen Bereichs automatisch den anderen aktiviert.

Bei einem Pianisten kribbeln also die Finger, wenn er Musik hört – und er hört Musik, wenn er mit den Fingern dribbelt.8

Musik ist das beste Gehirntraining

Von Geburt an werden die Synapsen im Gehirn ständig auf- und abgebaut. Benutzen wir ein Netzwerk häufiger und intensiver (z.B. beim Klavierspielen), werden sie vermehrt, in weniger aktiven (z.B. denen für Schlittschuhlaufen), werden sie abgebaut. Je älter wir werden, umso mehr Synapsen werden generell abgebaut – vor allen im Arbeitsgedächtnis.

Zusätzlich lässt auch unser Sinnes- und Bewegungsapparat im Alter nach. Wir sehen schlechter, hören schlechter und – gehen schlechter.

In der Natur herrscht das Prinzip der kleinsten Wirkung vor: das heißt, dass alle Prozesse mit so wenig Energieaufwand wie möglich und so viel wie nötig funktionieren. (So wie bei einer „natürlichen“, mühelosen Klaviertechnik nur so viele Muskeln wie nötig und so wenig wie möglich aktiviert werden.) Auf das Gehirn übertragen bedeutet das:

Die Gehirnfunktionen, die wir täglich benutzen, funktionieren auch im Alter noch zuverlässig – alles andere wird abgebaut, um Energie zu sparen.9

Bei Musikern bleiben auch im Alter viel mehr Gehirnbereiche aktiv als bei Nicht-Musikern, da sie beim Musikmachen ständig beansprucht werden.

Zum Beispiel die Gehirnbereiche für die Sprachverarbeitung, die gleichzeitig das Sprach- und Arbeitsgedächtnis verbessern oder die Bereiche für das Verarbeiten von feinmotorischen Bewegungen und nicht zuletzt die Hörareale.

Das Musizieren sorgt dafür, dass neue Synapsen gebildet werden, wodurch die Netzwerke im Gehirn ständig beansprucht und verändert werden. So kommt es, dass die Gehirne älterer Menschen, die regelmäßig z.B. Klavier spielen, genauso reagieren wie junge Gehirne.

Bei erwachsenen Klavieranfängern nahm beispielsweise nach nur 5 Wochen Klavierunterricht die neuronale Leitgeschwindigkeit zwischen Hör- und Bewegungsregionen zu.

Nach einer Woche Klavierunterricht arbeiteten bei 70-jährigen Klavieranfängern die Gebiete effizienter, die für die Bewegung der Hände zuständig sind. Und:

Spielt man also bis ins hohe Alter Klavier (weil es einfach nie langweilig wird), bleibt das Gehirn und damit wir selber lange fit! 🙂

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  • Margarita Gross | PianoTube

Quellen

  1. Blood, Anne J. & Zatorre, Robert J.: Intensely pleasurable responses to music correlate with activity in brain regions implicated in reward and emotion (Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Vol. 98, Nr.2), S. 11823. PDF, aufgerufen am 28.10.2014. []
  2. Langer, Armin: Emotionale und kognitive Aspekte des Musiklernens – Interdependenz von Emotion und Kognition beim Musiklernen (Wahrnehmung, Gedächtnis, Bewertung), S. 2ff., [PDF], aufgerufen am 24.02.2015. []
  3. Spiegelbild der Sprache – Neurokognition von Musik, aufgerufen am 24.02.2015. []
  4. Ratey, John J.: Das menschliche Gehirn – Eine Gebrauchsanweisung, Düsseldorf u. Zürich 2001, S. 120 und S. 321. []
  5. Siehe auch: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Macht Mozart schlau. Die Förderung kognitiver Kompetenzen durch Musik, S. 56f. [PDF], aufgerufen am 24.02.2015. []
  6. Musik – Feuerwerk im Gehirn [3Sat – Wissenschaftsdoku], aufgerufen am 23.02.2015. []
  7. BMBF, Macht Mozart schlau, S. 87ff. []
  8. Ebd., S. 62. []
  9. GEOkompakt Nr. 17 „Kinder“ (11/2008) [PDF], aufgerufen am 23.02.2015. []

3 Kommentare

  1. Schö­ner Ar­ti­kel! Ei­gent­li­ch bin ich ge­ra­de am Re­cher­chie­ren, was ge­n­au neu­ro­lo­gi­sch pas­siert, wenn Mu­si­ker mit­ein­an­der Mu­sik ma­chen. Um dei­ne 3 Punk­te bin ich je­doch nicht her­um ge­kom­men 🙂

  2. Hal­lo Mer­lin,

    freut mi­ch, dass der Ar­ti­kel dir ge­fällt und du ein paar An­re­gun­gen be­kom­men hast!

    Grü­ße, Mar­ga­ri­ta 🙂

  3. Ein fa­bel­haf­ter Be­richt , der leicht ver­ständ­li­ch ist und den­no­ch sehr in­for­ma­tiv so­wie Um­fang­reich!

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